In diesen Worten steckt viel Wahre. Vor meinem inneren Auge sehe ich meinen Kindern zu, wie sie einen hohen Turm aus Holzklötzen bauen. Es dauert lange bis er fertig ist. Sie klettern auf Tische und Stühle, um noch eine Etage höher bauen zu können. Da stößt der Kleinste den Turm unter allgemeinen Begeisterungsrufen um. In einer Sekunde ist er krachend eingestürzt. Dann fangen sie wieder an, einen neuen Turm zu bauen. Zerstören ist leicht, aufbauen ist schwer. Ich denke an das Miteinander zu Hause, in der Kirche, in der Schule oder auf der Arbeit. Es dauert lange bis Vertrauen wächst, und schnell kann es wieder zerbrechen. Manchmal reichen ein paar unbedachte Worte, und gutes Miteinander und Vertrauen zersplittern. Ist Vertrauen erst zerplatzt, dauert es umso länger bis es wieder herangewachsen ist. Vergebung und Versöhnung sind nur die ersten Schritte auf einem langen Weg, der über gutes Miteinander wieder zurückführen kann zu Vertrauen.
Seit Herbst 2008 ist die Ethiopian Evangelical Church Mekane Yesus (EECMY) auf diesem Weg. Vor 13 Jahren hat sich die Mekane Jesus Kirche in der Region von Addis Abeba gespalten. Vordergründig ging es um die Frage, ob der Gottesdienst in Amharisch oder Oromo gefeiert werden soll. Hinter den Kulissen ging es, wie so oft, um Macht. Es bildeten sich zwei Lager. Neben der EECMY wurde die Addis Abeba and Surrounding Evangelical Church Mekane Yesus (AAS-ECMY) gegründet. Man schloss sich gegenseitig vom Gottesdienst aus, verwerte Schwestern und Brüdern den Zutritt zu den Orten, an denen sie Taufe, Konfirmation und Hochzeit gefeiert haben. Durch manche Großfamilie ging ein Riss. Kirchenvorstände fochten vor staatlichen Gerichten um Grundstücke und Gebäude. Die Mitglieder der Mekane Jesus Kirche und ihr Ansehen nach außen haben unter der Spaltung sehr gelitten. In den vergangenen Jahren hatte es 27 erfolglose Versuche gegeben, den Konflikt zu schlichten. Verschiedene Gruppen in den beiden Kirchen haben es versucht. Mitglieder der internationalen EECMY Community kamen aus den USA angereist, um zu vermitteln, ebenso Missionsgesellschaften und andere internationale Partner. Sogar der äthiopische Staat wollte den Streit schlichten. Als man die Hoffnung schon aufgegeben hatte, reiste eine Delegation aus den USA nach Äthiopien, um einen letzten, 28zigsten Versuch zu unternehmen. Sie kamen nicht mit Plänen und Konzepten, um zu verhandeln. Sie kam aber mit dem Wunsch und Willen um Vergebung zu bitten, selbst zu vergeben, und die Wunden der Spaltung zu heilen. Der 28zigste Versuch hatte Erfolg. Seit dem Herbst 2008 kamen die gespaltenen EECMY und AAS-ECMY Gemeinden wieder zusammen; Pastoren, Kirchenvorstände und Mitglieder baten um Vergebung für all das Elend, dass aus der Spaltung erwachsen war; vergaben einander; und fielen sich mit Freudentränen in die Arme.
Am 17. Januar 2010 erreichte die EECMY einen weiteren Meilenstein auf ihrem langen Weg zu einem neuen, wiedervereinten, vertrauensvollen Miteinander. In einem Festgottesdienst wurde die nationale Wiedervereinigung der EECMY offiziell bekannt gegeben. Dr. Gamachis Desta, der Initiator des erfolgreichen 28zigsten Versuches die Spaltung der Mekane Jesus Kirche zu überwinden, begann seine Festpredigt mit den Worten: "Zerstören ist leicht, aufbauen ist schwer. Abspalten ist einfach, wiedervereinen ist schwierig."
Als assoziiertes Mitglied der EECMY können wir uns mitfreuen. Es ist eine große Leistung im Geist Christi, die hier vollbracht wurde. Oft kam und kommt es vor, dass protestantische Kirchen sich spalten, aber wann hat man schon mal davon gehört, dass sie sich wiedervereint haben. Grade wir Deutschen kennen den Wert der Wiedervereinigung, wieder zusammen zu gehören, keine Fremden oder gar Feinde mehr zu sein. Dieser Wert an sich, relativiert alle "Folgeprobleme". Er ist an sich größer als alle folgende Schwierigkeiten und Herausforderungen. Mit der Wiedervereinigung kommen viele Herausforderungen auf die EECMY zu. Alle Angestellten der zwei Kirchen möchten in der einen, vereinten Kirche Arbeit finden. Eigentums- und Finanzfragen sind zu klären. Gemeindeglieder, die sich seit 13 Jahren voneinander abgegrenzt haben, gehen wieder in ein und dieselbe Kirche. Kirchenvorstände fusionieren. Die große Central Ethiopia Synod, zu der auch die Deutschsprachige Gemeinde in Addis Abeba gehört, wird neu organisiert werden. In all diesen Prozessen haben unsere Schwestern und Brüder unseren Beistand im Gebet nötig. Doch sollen die Herausforderungen nicht die Sicht verstellen auf das Wunderbare, was hier geschehen ist, nämlich, dass die Einheit der Christen und die heilende Kraft der Vergebung in der Wiedervereinigung der EECMY sichtbar geworden sind.