Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über 1.Tim.2,1-6a, 09.05.10

"In Erich Kästners Roman "Das Doppelte Lottchen" gibt es gegen Ende des Buches folgende Szene: Die Eltern der Zwillingen lebten getrennt. Der raffinierte Plan der beiden Mädchen hat sie wieder zusammengebracht. In einem Gespräch wollen die Eltern überlegen, ob sie dem Wunsch der Kinder folgen und zusammenbleiben können. Diese warten während des Gesprächs voller Angst und Hoffnung vor dem Zimmer, und eines sagt zum anderen: "Wenn wir jetzt doch beten könnten!" Aber es fällt ihnen kein Gebet mehr ein außer dem einen: "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!" (Fulbert Steffenski)

Am Sonntag Rogate geht es um das Gebet. Heute allerdings geht es um einen besonderen Aspekt des Betens: das Gebet für andere, die Fürbitte. Ich lese dazu Sätze aus dem 1.Timotheusbrief, nach der Übersetzung "Hoffnung für alle". Paulus schreibt seinem Mitarbeiter Timotheus:

Am wichtigsten ist, dass die Gemeinde nicht aufhört zu beten. Betet für alle Menschen; bringt eure Bitten, Wünsche, eure Anliegen und euren Dank für sie vor Gott. Betet besonders für alle, die in Regierung und Staat Verantwortung tragen, damit wir in Ruhe und Frieden leben können, ehrfürchtig vor Gott und aufrichtig unseren Mitmenschen gegenüber. So soll es sein, und so gefällt es Gott, unserem Retter. Denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und seine Wahrheit erkennen.

Es gibt nur einen einzigen Gott und nur einen Einzigen, der zwischen Gott und den Menschen vermittelt und Frieden schafft. Das ist der Mensch Jesus Christus. Er hat sein Leben hingegeben, um uns alle aus der Gewalt des Bösen zu befreien.

1. Wir sollen beten

So ermahne ich euch nun, heißt es in der Lutherbibel, dass man vor allen Dingen bete... Wir werden ermahnt. In der griechischen Wortbedeutung ist es ein mutmachendes, einladendes Ermahnen, allerdings mit einem dicken Ausrufezeichen: Betet für alle Menschen! Beten ist nicht Steckenpferd einiger besonders Frommer, beten ist von Gott befohlen. Beten ist nicht Hobby, es ist Auftrag. Gott möchte, dass wir die Hände falten und fürbittend für andere Menschen einstehen. Nach seinem Willen sollen aufgrund unserer Fürbitte Dinge geschehen, die sonst nicht geschehen würden. Wir mögen denken: Er kann das doch auch ohne uns bewirken. Aber es ist sein erklärter Wille, dass wir Fürbitte tun: "Vor allen Dingen: Betet!"

Vielleicht sind wir mitunter mit Nebenfragen beschäftigt, ob wir im Sitzen oder auf den Knien beten sollen, mit erhobenen Händen, laut oder leise. Ein Fernmeldetechniker hat mal erzählt: "Also, ich habe am besten gebetet, als ich einmal mit dem Kopf nach unten am Telegrafenmast hing!"

Tut Bitte für alle Menschen. Dieser Aufruf ist ein Angriff auf alle fromme Selbstbeschäftigung. Es mag ja anders klingen, aber im Eigentlichen kämpft der Timotheusbrief gerade gegen den Rückzug in unsere Innerlichkeit. Paulus sagt: Leute, ihr lebt in dieser Welt - darum betet gefälligst auch für sie. Die Sätze sind eine Anleitung für den Gottesdienst der ersten Gemeinde. Es geht also auch um das gemeinsame Fürbittengebet. In der Fürbitte am Ende des Gottesdienstes öffnen wir die Kirchentüren, bevor wir wirklich rausgehen. Wir nehmen die Welt und die Menschen um uns herum in den Blick und bringen sie vor Gott.

"Damit wir ein ruhiges und stilles Leben in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit führen können", heißt es wiederum bei Luther. Ist das nicht doch der kleinbürgerliche Rückzug? Ich sehe darin eher eine nüchterne Einstellung, wie sie auch Jeremia in seinem berühmten Schreiben an die jüdische Gemeinde im babylonischen Exil richtet: "Suchet der Stadt Bestes, wohin ich euch verbannt habe, und betet für sie zum Herrn. Denn wenn es ihr gut geht, geht es euch auch gut."

Beten für die "Obrigkeit", für die Regierenden - sollen wir denn für Menschen beten, die uns hochgradig suspekt erscheinen? Vielleicht muss man manche Politiker ja einfach wegbeten, wenn es denn so einfach wäre! Ja, wir sollen beten, für alle Menschen, und ganz besonders für die Verantwortungsträger in der Politik.

2. Wir dürfen beten

Es ist ein Geheimnis um das Beten. Wer betet, wird selbst verändert. Carlo Caretti, ein italienischer Mönch, hat in der wüste viel über das Gebet nachgedacht. Er macht eine ebenso schlichte wie provozierende Ausage: "Wir sind das, was wir beten." Ein radikaler Satz. Vielleicht ein Wüstensatz: "Wir sind das, was wir beten." Daran, ob und wie wir beten, lässt sich ablesen, was uns prägt. Welche Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen wir für uns selbst und für andere Menschen haben.

Wer einmal in einem Benediktinerkloster zu Gast sein darf, erlebt es hautnah: Menschen, die Gott wirklich Gott sein lassen, die ihm allem anderen voran die ersten Stunden eines jeden Tages schenken, werden dadurch nicht blind, sondern sehr sensibel und hellhörig für die Nöte aller Menschen, die ihnen begegnen. (Karin Johne)

Fürbitte ist nicht an Sympathie gebunden. Bei Anselm Grün fand ich folgende "Gebetsanleitung:

Fürbitte heißt nicht, Gott vorzuschreiben, was er am andern tun soll. Manchmal ist unser gebet für den andern eher ein gebet gegen ihn. Wir bitten Gott, dass der andere endlich vernüftig werde, dass er endlich einsehe, was wir möchten. Wir versuchen dann, Gott zu manipulieren, dass er unsere Wünsche erfülle, die wir an den andern haben. Doch dann kann keine Begegnung stattfinden. Für den andern beten würde bedeuten: ich stelle mir den andern vor, fühle mich in ihn hinein. ...Welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn...? Wenn ich mich eine zeitlang in ihn hineingefühlt habe, kann ich Gott bitten, dass er ihm das schenken möge, was er braucht, dass er ihn segnen möge...vor allem werden meine Vorurteile verschwinden und ich werde ihn mit andern Augen sehen. (Gebet als Begegnung, S. 44)

Elias Chacour, ein palästinensischer Christ und Priester, erzählt in seiner Lebensgeschichte, wie ihn an seinem Vater am meisten beeindruckt hat, dass er für die israelischen Soldaten gebetet hat, die sein Haus und seinen Weinberg zerstörten. "Unsere Waffe ist es, dass wir keine Waffe haben", rief Martin Luther-King seinen aufgebrachten Leidensgenossen zu, die bereits Messer und Stöcke gesammelt hatten. Dann zeigte er mit diesen Worten die Richtung an: "Gefaltete Hände sind stärker als geballte Fäuste."

Bewegend finde ich auch die Geschichte der Hugenotten in La Rochelle. Während der französische König sie belagerte und systematisch aushungern ließ, hörten sie dennoch nicht auf, in ihren Gottesdiensten für den König zu beten. So ernst nahmen sie diese Aufforderung des Apostels, wirklich für alle Regierenden zu beten.

Noch einmal der Satz von Caretto: "Wir sind das, was wir beten." Wenn ich für einen ungeliebten Menschen die Hände falte, dann kann ich ihn nicht gleichzeitig verachten oder gar hassen. Der andere soll ja nicht mein bester Freund werden, aber ich darf ihn unter Gottes Zusage sehen, im Licht seiner Absichten: "Er will, dass allen Menschen geholfen werde."

3. Wir können beten

Schließlich holt Paulus ganz weit aus und erklärt, warum wir überhaupt nur beten können, was das Gebet erst möglich macht:

Es gibt nur einen einzigen Gott und nur einen Einzigen, der zwischen Gott und den Menschen vermittelt und Frieden schafft. Das ist der Mensch Jesus Christus. Er hat sein Leben hingegeben, um uns alle aus der Gewalt des Bösen zu befreien.

Der auferstandene Christus ist der Garant, dass unser Gebet nicht ins Leere läuft. Während der Liturgie beim Abendmahl singen wir mitunter den Chorus: "Wir preisen deinen Tod, wir glauben, dass du lebst…" In einemGlaubenskurs fragte eine Teilnehmerin, wie man das denn so singen könne. Den Tod Christi zu preisen. Ich verstehe es so: wir danken damit Gott für das, was er uns durch das Leiden und Sterben Jesu hat zukommen lassen: eben die Befreiung von unserer Schuld. Dass wir Zugang zu Gott haben. Dass wir beten und Gott mit unsern Anliegen in den Ohren liegen dürfen. Wir können beten.
In Surinam hatten sich die Christen in einem Dorf, weil ihre Hütten nur aus einem Raum bestehen, einen Gebetsplatz im Wald gesucht, wohin sie täglich gingen, um dort in der Stille mit Gott zu reden. Die Gebetswege waren mit der Zeit wie ausgetretene kleine Pfade. Eines Tages sagte einer seinem Nachbarn ganz liebevoll: "Du, auf deinem Weg wächst langsam das Gras." Ich kenne Zeiten, in denen ich vor lauter dienstlicher Beschäftigung mit Andachten, Unterricht und Predigtvorbereitung nicht mehr dazu komme, was doch offenbar das Entscheidende ist: "Vor allem Dingen tut Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen". Zu den Dingen, die beim Zukunftscafé vor zwei Wochen angestoßen wurden, gehört das Gebet mieinander. Wir haben gleich die Möglichkeit dazu, wenn wir ein Licht anzünden für einen anderen Menschen.

Und der Friede Gottes, der alle Vernunft übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus, unserm Herrn. Amen.

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