Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt am 17.08.08 zu Apg. 6,1-7

Kurzandacht zum Gemeindefrühstück am 13. So. nach Trin., 17.08.08 im Gemeindehaus der German Church Addis Abeba

Der Jubel am Freitagabend war, so habe ich mir sagen lassen, vom Meskel Square bis nach Kazantchys zu hören. Tirunesh Dibaba holte das erste Gold für Äthiopien - sie lief die 10.000 Meter in sage und schreibe 29 Minuten und 54.66 Sekunden! Mit strahlendem Gesicht, ja geradezu mit Leichtigkeit, so schien es, rannte sie durch die Ziellinie. Und vielleicht gehen die 10.000 Meter der Männer heute Abend ja auch an Äthiopien. Auch Michael Phelps aus den USA, schon jetzt Schwimmlegende, steht im Mittelpunkt: Er holt heute vermutlich sein achtes Gold.

Strahlende Sieger, das sind die Helden der Sommerspiele. Doch die wahren Helden wissen, dass ihr Erfolg mehr als eine Einzelleistung ist, auch bei den Leichtathleten. Da ist der Trainer, da ist das Team, ja auch die Rivalin, die anspornt.

Passend zu Olympia erzählt der Film "Schwere Jungs" die Geschichte zweier rivalisierender Bobfahrerteams, wir haben die DVD im Sommer auf dem Wühltisch gefunden. Der Schauplatz ist ein Kontrastprogramm zu Peking, nämlich die Winterolympiade in Oslo 1952. Die beiden Viererteams, beide aus Bayern versteht sich, bekämpfen sich schon seit ihrer Kindheit. Bis sie während der Vorentscheidungsrennen eine plötzliche Erkenntnis haben: Die anderen Teams sind besser, weil sie wirklich "schwere Jungs" sind: Sie legen einfach mehr Gewicht auf die Waage. Um sie zu toppen, müssen die bayrischen Rivalen aus zwei Teams eins machen. Wie sie sich dazu durchringen, das ist der schönste Teil der Geschichte. Das Ergebnis könnt ihr euch gern selbst anschauen, ich verrate es hier nicht.

Gemeinsam im Rennen, miteinander unterwegs zu einem Ziel, das ist auch ein Bild für die Gemeinde. Wir sind höchst unterschiedliche Leute, wir mögen die Dinge verschieden angehen, aber wir haben einen gemeinsamen Auftrag und ein gemeinsames Ziel: dass Gottes Liebe zu den Menschen kommt. Dass Gott seine Freude an uns hat, wie wir miteinander leben. Wie gut, dass wir hier in der Kreuzkirche unsere unterschiedliche Konfession nicht als Rivalität erleben. Das Miteinander, das gemeinsam unterwegs Sein, ist ein hoher Wert. Wir brauchen unsere Kraft zu sehr, als dass wir sie gegeneinander verbrauchen sollten.

Für diesen Sonntag wird uns eine Geschichte aus der Bibel vor Augen gehalten, in der es auch ums Miteinander geht. Lukas erzählt in der Apostelgeschichte (Kap.6,1-7), wie es zu Unmut in der Urgemeinde kam, weil die Witwen der einen Gruppe bei der Versorgung in der damals armen Gemeinde übersehen wurden. Grund ist, dass die Apostel bei der wachsenden Gemeinde nur noch rumrödeln und dabei sowohl der diakonische Auftrag als auch die ordentliche Predigt baden geht. Am Ende wird das Diakonenamt geschaffen, und auch die Verkündigung gewinnt neu an Schwung. Im letzten Satz heißt es: Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Da wird sehr schön und klar deutlich, dass auch die Pastoren wie alle anderen es nötig haben, sich immer neu auf Gott und auf seinen Willen ausrichten zu lassen. Es ist eben ein Miteinander auf allen Ebenen. Einzelne werden besonders beauftragt, aber alle sind gleich vor Gott. Alle gestalten mit und bauen an Gottes Reich. Interessant finde ich, dass der Apostel Paulus den Glauben ebenfalls als Lauf beschreibt, als ein Ringen um den Siegeskranz. Aber geschehen soll das nur im Miteinander, nicht als Triumph der Sieger über die Besiegten.

Auch wir hier in Addis haben uns als Gemeinde Großes vorgenommen. Wir betreiben ein Sozialprojekt, das in seiner Größe für eine Auslandsgemeinde fast ohne Beispiel ist. Seit vielen Jahren ist die German Church School unser diakonischer Auftrag. Viele müssen mitmachen, damit nicht einigen die Puste ausgeht. Der Kirchenvorstand, wir als Pfarrersleute, der Jörg und die Susanne im Office brauchen die ganze Gemeinde im Rücken. Mindestens genauso schön wie das Strahlen von Tirunesh beim Lauf durch die Ziellinie ist das der Kinder an unserer Schule, wenn sie Bestätigung erfahren und lernen, was in ihnen steckt. Sie müssen nicht alle durch die Ziellinie großer sichtbarer Erfolge, und wir müssen es auch nicht. Aber dass wir gemeinsam unterwegs sind und voneinander lernen in diesem Land und auch hier in unserer Gemeinde, dazu sind alle eingeladen. Gott segne unser Miteinander, er geht mit uns in unseren Stärken und Schwächen. Auch ohne Medaille können wir so glücklich sein und Sinn finden.

Amen.

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