Kurzpredigt zu Abraham - Begrüßung der Neuankömmlinge im Familiengottesdienst der Kreuzkirche Addis Abeba am 24.08.08
(voraus geht ein Handpuppenanspiel: "Lisa neu in Addis")
Lisa und Franz machen uns Großen vor, wie man sich helfen kann. Neu in einer fremden Stadt, neu in einem Land, das so anders ist. Das ist schon aufregend, und auch wir Erwachsenen brauchen da vielleicht ab und zu unser "Schnuckeltuch"…
Warum wir hier gelandet sind und was wir tun, das hat bei jedem andere Gründe. Manche von uns leben schon viele Jahre hier. Gut, dass es euch gibt mit eurer langen Erfahrung. Andere sind gerade mal ein oder zwei Jahre hier, auch die haben schon so ihre Erfahrungen gemacht. Der Franz jedenfalls scheint schon ein alter Hase zu sein, er bietet Lisa seine Hilfe an. In unserer Gemeinde kommen viele unterschiedliche Menschen zusammen, auch viele Familien mit kleinen oder größeren Kindern. Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal einander begrüßen und uns kurz gegenseitig erzählen, warum wir hier sind. Wenn wir uns schon kennen, können wir ja auch einander erzählen, wie wir die Sommerpause verbracht haben.
Gesprächsphase
Viele von uns sind ja noch recht jung, auch unter den Erwachsenen. Ich möchte euch von einem erzählen, der schon sehr alt war, als Gott ihn in ein anderes Land rief. Könnt ihr euch denken, wer das ist? … Ja, der Abraham. Ich lese aus der Bibel, wie Abraham von Gott gerufen wird:
Textlesung 1.Mose 12, 1-5
Ganz unterschiedliche "Rufe" haben uns hierher nach Äthiopien geführt. Ich weiß von manchen, dass sie sich von Gott hierher gerufen wissen, ähnlich wie Abraham damals ins Land Kanaan. Bei anderen stand der Wunsch nach einem Wechsel dahinter, gepaart mit einer guten Portion Abenteuerlust und gespannter Neugierde. Wieder andere haben hier einen Arbeitsplatz gefunden, den sie zuhause so nicht hätten. Und ihr Kinder und Jugendlichen seid eben mitgekommen - euch blieb ja auch nichts anderes übrig. Ich wünsche euch, dass dies eine wertvolle Zeit für euch ist oder wird und vor allem, dass ihr gute Freunde findet. Uns allen gemeinsam ist, dass wir aufgebrochen sind - darin gleichen wir dem Abraham. Natürlich war damals vieles anders: er hatte keinen Container, auf den er dann lange warten musste (J). Er nahm einfach sein ganzes Viehzeug mit und musste dabei nicht aufs Reisegewicht achten. Er ist einfach losgezogen. Naja, so einfach war es eben doch nicht, es werden die drei "V" genannt, die er zurücklassen muss: Sein Vaterland, seine Verwandtschaft und sein Vaterhaus. Ein Rückreiseticket war nicht inbegriffen. Für Abraham und seine Frau Sara war es ein Aufbruch ohne wenn und aber.
Ich bewundere die beiden, wie sehr sie Gott vertrauen: "Geh in ein Land, das ich dir zeigen will!" - Scheinbar wissen sie nicht einmal genau, wo sie landen werden. Und doch ziehen sie los. Warum tun sie das? Ich glaube, es kann nur einen Grund geben: Gott gibt ein großes Versprechen: "Du, Abraham, ich will dich zu einem großen Volk machen." Und das, obwohl die beiden immer noch keine Kinder haben. Ich gebe zu: ein bisschen verrückt muss man manchmal sein, um den Weg mit Gott zu gehen. Aber nur so kommt es zu Erfahrungen, die wir sonst nie machen würden. Außerdem ist da noch der Segen. Viele Menschen wünschen ihn sich. Hier in Äthiopien gibt es kaum einen Gruß, in dem nicht Gottes Segen vorkommt. Gott sagt zu Abraham: "Ich will dich segnen!" Und das lasst euch sagen: Im Alten Testament ist der Segen eine ziemlich handfeste Angelegenheit, sogar die Ziegen und Kamele gehören dazu, vor allem natürlich die eigene Familie.
Vielleicht haben Ihnen und euch ja auch andere Menschen Gottes Segen gewünscht, als ihr losgezogen seid, laut oder leise, mit ganz unterschiedlichen Worten, auf jeden Fall von Herzen. Und so begleitet euch dieser Segenswunsch jetzt hier in Äthiopien.
Doch das ist noch nicht alles. Es kommt noch etwas dazu. Gott sagt nicht nur: Ich will dich segnen. Er fügt hinzu: Und du sollst ein Segen sein. Den Segen Gottes lassen wir uns ja gerne gefallen. Solch ein zugesprochener Segen tut einfach gut. Doch Abraham wird nicht einfach im Segen entlassen. Vielmehr soll er selbst für andere Menschen, ja für ganze Völker zum Segen werden. Überlegen Sie, überlegt doch einmal: Wie kann ich, wie können wir hier in dieser Zeit für andere Menschen zum Segen werden? Ich könnte einige aufzählen, da kann ich nur sagen: die sind hier wirklich anderen zum Segen geworden. Ich finde das eine großartige Herausforderung, und die gilt nicht nur für Pastoren und Missionare, sondern für jede und jeden von uns: Wir können da, wo wir sind, anderen zum Segen werden. So wie der kleine Franz der Lisa zum Segen wird, indem er ihr seine Freundschaft und Hilfe anbietet: "Wir könnten doch Freunde werden."
Übrigens sind Abraham und Sara noch durch manche Krise geschüttelt worden. Manchmal war die Zusage Gottes für sie so klein geworden, dass sie ihr Vertrauen fast verloren. Von Sara heißt es, dass sie eines Tages gelacht hat über das, was Gott angeblich mit den beiden noch vorhatte. Es war ein bitteres Lachen, hervorgebracht durch schwere Wüsten-Erfahrungen. Auf einmal war Gott einfach zu weit weg. Solche Zeiten gibt es, die werden einem dann richtig schwer.
Doch da weckt Gott den Abraham eines Nachts. Er führt ihn aus dem Zelt und zeigt ihm den weiten Sternenhimmel. Er erneuert sein Versprechen: So zahlreich wie die Sterne am Himmel sollen deine Nachkommen sein. Ich wünsche uns solche Abraham-Erfahrungen. Dass auch dann, wenn es "dicke kommt", Zeichen der Ermutigung auftauchen. Etwa ein gutes Wort. Oder eine Mut machende Begegnung. Wenn ihr das nächste Mal am Langano staunend in den Sternenhimmel blickt, dann denkt an Abraham. Und erinnert euch daran, dass ihr nicht allein unterwegs seid. Gott spricht: "Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein." Dies Versprechen gilt uns allen, hier und heute. Und so segne Gott uns auf den gewohnten und auf den neuen Wegen, die vor uns liegen.
Amen.
Lied: Vertraut den neuen Wegen