Gottes großer Garten - Gabe und Aufgabe für uns Menschen
Liebe Gemeinde,
Freunde, die es gut mit uns meinten, brachten uns im Frühjahr diese schöne Rasenschere mit. Bald wird der Compound einem englischen Garten gleichen, um Bäume und Sträucher herum wird feinsäuberlich Gras geschnitten. Doch Spaß beiseite, wer erfreut sich nicht an einem schönen Garten, ja manche mögen ihren heimischen Garten vermissen - und die Gartenarbeit, die sie gerne tun.
Wenn wir die ersten Seiten der Bibel aufschlagen und aufmerksam hinschauen, dann ist vom Paradies gar nichts zu lesen. Der Ausdruck wurde erst später vom guten Xenophon aus Persien importiert. Das Wort suggeriert ein Schlaraffenland, doch das ist der Garten Eden nie gewesen, auch vor dem Sündenfall. Gott stellt seinen Menschen in einen Garten, da fällt Arbeit an, und das ist gut so: Bebauen und bewahren - das ist der Auftrag.
Doch es ist wie eigentlich immer in der Bibel und in den Dingen des Glaubens: die Arbeit, der Auftrag, steht gar nicht am Anfang. Bevor wir was machen sollen, werden wir erstmal selbst gemacht: Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Gott schafft seinen Adam aus der "Adama", der Erde. So nüchtern, so handfest wird die Erschaffung des Menschen hier geschildert, dass sie uns im wahrsten Sinne des Wortes erstmal "down to earth" bringt. Wir sind von Anfang an "geerdet".
Von Rabbi Bunam, einem jüdischen Gelehrten, stammt das Wort: "Ein Mensch muss über seinen Schultern stets zwei Taschen tragen, um je nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können. In der echten Tasche liegt das Wort: Um meinetwillen ist die Erde geschaffen. In der linken Tasche das Wort: Ich bin Erde und Asche."
Erde und Feuchtigkeit, Lehm und Wasser kommen zusammen - und es entsteht Leben! Der Mensch, ein lebendiges Wesen. Das leben von Gott selbst eingehaucht. Es wäre töricht und der Erzählung zuwider, wollte man daraus eine wissenschaftliche Beschreibung stricken. Zu kunstvoll wird hier erzählt, zu schön, als dass wir uns verlieren sollten in Streitigkeiten über das Wie und das Wie lange der Entstehung des Menschen.
Schnell wechselt der Erzähler von einem Bilde zum nächsten. Er malt ein weiteres wunderschönes Bild: Vor seinem Auge entsteht der Garten, in den Gott sein Geschöpf hineinstellt und mit dem er es erfreut. Ich fand den schönen Satz: "In jedem Garten ist (wohl) etwas zu sehen von unserer Sehnsucht nach einem geschützten und umfriedeten Raum, nach einem kleinen Stückchen Erde, in dem alles so ist, wie es eigentlich sein sollte…" (R.Deichgräber). Die Botschaft des 1. Mosebuchs, der Genesis, ist klar: Gott hat seine Welt gut geschaffen. Sie ist sein Meisterwerk, in göttlichem Design entstanden, als Abbild seiner verschwenderischen Größe uns zur Freude und zum Wohl geschaffen. Die Schöpfungserzählung will Vertrauen schaffen und Orientierung geben. Wir sind nicht im Raumschiff Erde auf zielloser Odyssee durch ein kaltes Weltall. Das Chaos ist gebändigt, die Schöpfung voller Liebe geplant und gestaltet.
Die merkwürdigen Sätze von den vier Strömen durch die bewohnte Welt (im Predigtplan übrigens zur Auslassung empfohlen) verstärken die Botschaft des Erzählers: "Die Welt, in der wir Leben, ist nicht chaotisch" (s.o.). Und merkwürdig: Hält man sich die Beschreibung von den vier Strömen, die von einer gemeinsamen Mitte ausgehen, vor Augen, dann entsteht das vorchristliche Symbol des Kreuzkreises: Ausgehend vom Garten Eden fließt das Wasser des Lebens in alle vier Himmelrichtungen. In alten Kirchen wurde es bei der Weihe nachgezeichnet, um die Verbindung sichtbar zu machen von der Erschaffung des Menschen bis hin zu seiner Erlösung.
Vielleicht spüren wir jetzt, warum das alles so und in dieser Reihenfolge geschildert wird. Am Anfang steht Gottes Tun, seine Schöpfungstat aus dem Nichts heraus. Er ist das Subjekt in jedem Satz:
er macht
er lässt regnen
er haucht den Odem ein
er pflanzt
er setzt
er lässt wachsen.
Ich muss an einen Satz denken, den Bischof Huber uns beim Weltkongress der Auslandspfarrer und -pfarrerinnen in Berlin zugerufen hat: "Die Weite unserer Aktivitäten lässt sich besser durchhalten, wenn sie auf die klare Mitte bezogen sind."
Die Erde bebauen und bewahren, das braucht einen langen Atem. Die Aufgaben, in denen wir stehen, können uns auffressen und so sehr bestimmen, dass sie uns fertig machen. Da ist es gut zu wissen und uns daran erinnern zu lassen: Gott hält das Heft in der Hand. Er, der Schöpfer, ist auch der Erhalter. Die Rede von der Weltverantwortung der Christen mag ja sehr redlich sein, doch theologisch ist sie nicht haltbar. Nicht wir halten die ganze Welt in der Hand. Die Erde ist des Herrn.
Bebauen und Bewahren - das reicht als Handlungsanweisung. Doch ist die auch ernst zu nehmen. Wir Menschen waren auf diesem Ohr lange taub. Wir haben nur den anderen Satz hören wollen: "Macht sie euch untertan!" - und haben ihn schrecklich missverstanden. So wurde und wird unser Planet geplündert, der Kampf um die Energiereserven ist voll entbrannt, es gibt keine Tabus mehr, die Natur hat das Nachsehen.
Zum Bewahren gehört das Bewässern. 2,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, jeden Tag sterben 5000 Menschen an den Folgen von Durchfallerkrankungen, entstanden durch verschmutztes Wasser. Zugang zu ordentlichem Wasser - das muss ein Grundrecht für alle Menschen werden. Es darf etwas kosten, aber es muss bezahlbar sein. Die Kirche muss ihre Stimme erheben, wo das, was Gott für alle Menschen geschaffen hat, privatisiert wird und nur noch die Besitzenden Zugang haben. Zum Bewahren gehört das Bewahren der Grundrechte jedes Menschen.
Was das Bebauen angeht, so kann man nur staunen über die Möglichkeiten des Machbaren. Mein erstes Dubai-Erlebnis habe ich seit diesem Sommer auch hinter mir. Manches finde ich genial, grandios, anderes schlicht dekadent. Wer bei 40 Grad Hitze ans Schilaufen denkt, dem muss die Sonne offenbar schon ziemlich zugesetzt haben.
Nicht wenige von uns hier sind ja mit den Bebauen beauftragt, im konkreten wie auch im übertragenen Sinn: capacity building, das ist eine tolle Herausforderung. Die Menschen hier im Land befähigen, eigenständig zu planen und zu bauen. Das ist eine schöne und - so höre ich oft - zugleich schwere Aufgabe. Sie erfordert Geduld und langen Atem, zugleich Beharrlichkeit und menschliches Einfühlungsvermögen.
Wir sind nicht mehr im Garten Eden, aber der Auftrag ist geblieben. Gottes Mandat für seine Menschen lautet: Bebauen und Bewahren. Nicht abreißen und nicht zerstören. In jedem Beruf, in allem Tun ist das der Leitsatz. Er gilt nicht nur fürs Bauwesen, er setzt den ethischen Maßstab für alle Grenzbereiche, in die wir vorstoßen. Nicht alles, was machbar ist, ist erlaubt. Im Einzelfall mag es schwere Entscheidungen geben. Aber auch hier gilt: solange wir an der Mitte festhalten, werden wir auch an den Rändern Orientierung finden. Gott schenke es, dass wir im Umgang mit seiner Schöpfung gute Wege finden. Ihm verdanken wir unser Leben und damit alles, was wir haben. Amen
Lasst uns Fortfahren mit Paul Gerhardts Lied, das die Schöpfung bestaunt und den Schöpfer lobt: 503, 8.10 und 14
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.