"In Christus eins - in aller Vielfalt"
Liebe Gemeinde,
"Breaking News" auf allen Nachrichtensendern, Zittern an den Börsen rund um den Globus, in London, Tokyo und Frankfurt, allem voran in der Wall Street in New York. Die Finanzmärkte brechen zusammen, weil viele Banker aus Profitgier riskante Geldgeschäfte gemacht haben. Jetzt kommt heraus, dass sie keiner richtig kontrolliert hat und sie ihre kriminellen Energien zum Schaden vieler Menschen ausleben konnten. Die Summen, die den Schaden begrenzen sollen, sind Schwindel erregend. Zahlen soll der Steuerzahler. Die Gewinne wurden "privatisiert" und landeten in den vollen Taschen der Reichen. Die Verluste werden jetzt "sozialisiert". Die Folgen spüren alle, und auch an einem bitterarmen Land wie Äthiopien werden sie nicht vorbeigehen. Dabei soll die weltweite Vernetzung von Arbeit und Kapital dem Wohle aller Menschen dienen, sagen die Anhänger der so genannten Globalisierung. Der Wunsch nach der einen Welt scheitert an dem Egoismus derer, die Macht und Geld haben. (H. Schmidt)
Auf der Folie dieser Geschehnisse liest sich unser heutiger Predigttext wie ein Gegenentwurf zu Ichsucht und arroganter Selbstverliebtheit. Unter der Überschrift "Viele Glieder - ein Leib" entwirft der Apostel Paulus seine Theologie der Einheit in der Vielfalt. Ich lese 1.Kor.12,12-14 und 26f nach der Guten Nachricht:
Man kann die Gemeinde Christi mit einem Leib vergleichen, der viele Glieder hat. Obwohl er aus so vielen Teilen besteht, ist der Leib doch einer. Denn wir alle, Juden und Nichtjuden, Sklaven und Freie, sind in der Taufe durch denselben Geist in den einen Leib Christi eingegliedert worden, und wir haben auch alle an demselben Geist Anteil bekommen. Ein Körper besteht nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen Teilen….Wenn irgendein Teil des Körpers leidet, dann leiden alle anderen mit ihm. Und wenn irgendein teil geehrt wird, freuen sich alle anderen mit. Ihr alle seid zusammen der Leib Christi; jeder einzelne ist ein Teil davon.
Im Neuen Testament werden viele Vergleiche gebraucht, um das Geheimnis der christlichen Kirche zu beschreiben: Das Bild der Herde und des Hirten, nicht in jeder Hinsicht schmeichelhaft. Dann die Gemeinde als Acker, oder als Haus der lebendigen Steine. Vom Fundament Christus ist die Rede, auf die Apostel aufbauen. Hier verwendet Paulus das Bild vom Leib, und dieser Vergleich ist in gewisser Weise geklaut. Alle Welt kannte damals die berühmte Fabel des Livius, eines römischen Dichters. Er erzählt die Geschichte von den Körperteilen, die sich verselbstständigen wollen, bis sie schließlich der Magen überzeugt, dass er doch der Wichtigste ist, da ohne ihn alle kraftlos werden. Die Intention der Geschichte ist leicht zu durchschauen: aufmüpfigen Sklaven sollte vor Augen gemalt werden, dass sie die Aristokratie zum eigenen Überleben unbedingt brauchten und darum die hohen Herren gefälligst gewähren lassen sollten.
Diese Vorstellung greift Paulus auf, jedoch nicht um bestehende Herrschaftsstrukturen abzusegnen. Im Gegenteil, er zeichnet das Bild einer Gemeinschaft, wo nicht die einen über die anderen herrschen, sondern wo die einzelnen Teile zum gegenseitigen Dienst aneinander berufen sind. Zusammengehalten wird diese Gemeinschaft von dem, der uns allen gedient hat mit seinem Leben und Sterben: Christus. Paulus kennt seine Korinther, er weiß, welche Gegensätze hier aufeinander treffen. Seine Gemeinde ist im Hafenmilieu entstanden und hat zugleich die bürgerliche Mittelschicht erreicht. Nun sind sie alle zusammen und müssen es miteinander aushalten: Ehemalige Prostituierte und Beamtengattinnen, Kneipenbesitzer und Synagogenvorsteher.
Da wird ganz offensichtlich: Die Gemeinde als Leib Christi, das ist alles andere als ein harmonisches Idealbild. Lesen Sie einmal die Kapitel davor und danach. Paulus kämpft da mit real existierenden Gegensätzen. Es gibt schwärmerische Enthusiasten und traditionelle Bestandswahrer, Orthodoxe und Pfingstler, Feministinnen und Patriarchen. Wie geht der Apostel damit um? Es spricht für den streitbaren und oft auch umstrittenen Paulus, dass er keinen Einheitsbrei anrührt. Die schönen ökumenischen Formeln von der versöhnten Verschiedenheit und der Einheit in der Vielfalt kennt er noch nicht. Sein Ansatz ist viel grundsätzlicher, radikal theologisch. Noch besser gesagt, radikal christologisch. Paulus setzt bei Christus an. Ihr seid der Leib Christi. Er hält euch zusammen. Er hat euch versöhnt und geheilt. Auf ihn seid ihr alle getauft, ob Sklaven oder Freie. Die Sprengkraft dieser Worte wurde erst allmählich spürbar. Zwar hat schon Paulus im Philemonbrief einen Sklavenhalter dieses Namens aufgefordert, seinem Knecht die Freiheit zu schenken. Doch dann folgten noch Jahrhunderte des Festhaltens und der Rechtfertigung der Sklaverei, ehe ein christlich motivierter William Wilberforce für den ersten Schritt zur Abschaffung im Namen des Christentums sorgte.
Christus hält die Gemeinde zusammen. Das ist Paulus das Wichtigste. Nicht die gemeinsame Überzeugung, erst recht nicht gegenseitige Sympathie. Dietrich Bonhoeffer hat das in seiner Schrift "Gemeinsames Leben" sehr pointiert ausgedrückt: "Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte." Oder positiv ausgedrückt: "Wo die Frühnebel der Traumbilder fallen, bricht der helle Tag christlicher Gemeinschaft an."
Erst in der Ergänzung bilden wir miteinander das Ganze. Paulus erklärt das sehr schön, ich zitiere ein paar der eben ausgelassenen Verse:
Wenn der Fuß erklärt: "Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht die Hand bin" - hört er damit auf, ein Teil des Körpers zu sein? Oder wenn das Ohr erklärt: "Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht das Auge bin" - hört es damit auf, ein Teil des Körpers zu sein? Wie könnte ein Mensch hören, wenn er nur aus Augen bestünde? Wie könnte er riechen, wenn er nur aus Ohren bestünde? Nun hat Gott aber jedem Teil seine Aufgabe im Ganzen des Körpers zugewiesen.
Neulich las ich von einem Kirchenvorstandswochenende in einer Gemeinde, wo einer eine geniale Idee hatte: jeder sollte mal darüber nachdenken, was er oder sie nicht kann, welche Gabe er oder sie nicht besitzt. Am Ende sollten alle dafür danken, ganz bewusst die eigenen Grenzen sozusagen ins Licht Gottes stellen und sagen: Danke, dass ich das und das nicht kann. Danke, dass ich die Ergänzung durch die anderen brauche. Bis tief in die Nacht haben alle miteinander geredet und dabei entdeckt, wie gut es ist, nicht alles selbst zu können! Bisher kannte ich das nur andersherum, dass alle einander erzählen, welche Gaben sie von Gott bekommen haben. Dass auch die andere Variante in einen Dankgottesdienst münden kann, war mir bis dahin nicht zu Ohren gekommen.
Zwei Gefahren scheint es zu geben, das kann man bei Paulus zwischen den Zeilen heraushören. Die Gefahr des Überschätzens und die Gefahr der Unterschätzung der eigenen Rolle. Wer sich oder andere für unersetzlich hält, blockiert die Entwicklung anderer. Der jähe Unfalltod Jörg Haiders sei wie ein Weltuntergang, war gestern aus seiner Partei zu hören. Nun ist es ja nicht das Schlimmste, wenn manche Partei untergeht. Aber was ich sagen will, ist dies: es ist sicher hart für die Gleichgesinnten, wenn jemand so plötzlich aus seinen Aufgaben herausgerissen wird, aber unersetzbar ist niemand. Wenn doch, dann ist etwas schief gelaufen.
Aber auch sich selbst zu unterschätzen kann die Gemeinschaft behindern. Wer sich immer zurückhält, weil er oder sie meint, andere könnten es besser, bringt sich selbst um eine wertvolle Erfahrung und bürdet die Verantwortung permanent den anderen auf. Dabei ist gerade die Gemeinde ein unschätzbares Übungsfeld, seine Gaben und Fähigkeiten einzubringen und fürs Leben zu lernen. Wie viele junge Leute haben als Mitarbeiter in der Kindergruppe oder im Jugendkreis für sich selbst am meisten gelernt!
Eine weitere Gefahr möchte ich nennen, sie steht mit dem eben Gesagten in direktem Zusammenhang. Ich meine die Gefahr, dass Einzelne mit ihren Gaben in der Gemeinde regelrecht ausgebeutet werden, während andere sich bedeckt halten. Fuß und Ohr sollen sich eben nicht vornehm zurückziehen, sondern mit einbringen, was sie einbringen können.
So wie die Teile des Körpers einander ergänzen, so sollen es auch die Mitglieder der christlichen Gemeinschaft. Die Gemeinde ist ein einzigartiges Übungsfeld, und das in mehrfacher Hinsicht. Ich las in einer Meditation zum Text den folgenden Gedanken. Jemand schreibt folgende Worte:
"Ich denke an einen Menschen in meiner Gemeinde, mit dem ich Schwierigkeiten habe. Kann ich den Gedanken ertragen, dass dieser Mensch Glied am selben Leib ist? Kann ich nicht nur an ihm leiden, sondern mit ihm leiden? Wo habe ich schon einmal diese "übernatürliche" Einheit des Leibes Christi erlebt?" (Burkhard Jabs)
Und noch ein letzter Gedanke: Wenn ein Teil des Körpers leidet, leiden alle mit, sagt Paulus. Vorige Woche erhielt ich eine Rundmail vom Auslandsbischof. Vor drei Wochen war er hier bei uns zu Gast, vor ein paar Tagen empfing er den Präsidenten des Gesamtindischen Christenrates. Im Nordosten Indiens ist es in den letzten Monaten zu zahlreichen gewalttätigen Übergriffen gegen Christen gekommen. Christliche Schulen, Kirchen, Wohnhäuser und Hütten sind zerstört worden. Die Zentralregierung geht nicht entschlossen genug gegen diese Gewalttaten vor. Bischof Anan Chandra Khosla von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Indiens bittet die deutschen partnerkirchen um Fürbitte. Viele seiner Kirchenmitglieder hätten in Wäldern und Notunterkünften Zuflucht gesucht. So wollen wir die Christen im Nordosten Indiens heute in unsere Fürbitte aufnehmen.
Ob im Frauenkreis oder in der Kleingruppe, beim Männertreff oder im Chor, auch im KonFirmkurs und in der Jungschar, überall in der Gemeinde können wir einüben, was Paulus hier empfiehlt. Wie gesagt, es ist keine Utopie, kein abstraktes Wunschbild des Apostels, sondern seine Beschreibung der Realität christlicher Gemeinschaft: Ihr seid der Leib Christi. Das ist in der Tat ein Gegenentwurf zur Ellenbogenmentalität unserer Tage. Es wird gelebte Wirklichkeit, wo wir uns als Teile des Leibes Christi verstehen und uns durch unser Verhalten als solche auch zu erkennen geben.
Und der Friede Gottes…