Abraham und die "Kirche für andere"
Liebe Gemeinde,
vorigen Freitag hatten wir im Jugendclub wieder Kinoabend. Der Film "Zug des Lebens" spielt im 1941 im Osten Europas, wo es damals noch das jüdische Stetl gab. Als die deutschen Truppen näher rücken, kommt ausgerechnet dem Dorfnarr eine geniale Idee: Um den Deutschen zuvor zu kommen, sollen die Dorfbewohner sich selbst deportieren. Natürlich müssen einige von ihnen sich als Nazis verkleiden, was denen natürlich nicht leicht fällt. So startet der Zug des Lebens, bis er eines Nachts von echten Nazis angehalten wird. Die Menschen in den Waggons bangen, schließlich spricht der schon hochbetagte Rabbi und Dorfälteste ein bewegendes Gebet: "Lieber Gott, ich habe nie gedacht, dass wir es alle schaffen, aber mach wenigstens, dass die Kinder und Jugendlichen über die Grenze kommen und ihren Frieden finden in Palästina. Und erst die Frauen und Männer, denn die Kinder brauchen Eltern. Und wo du sie schon alle gerettet hast, warum denn nicht erst noch die Alten."
An diese Szene musste ich denken, als ich den Predigttext las. Ich habe ihn vom nächsten Sonntag vorgezogen, da wir den Abendgottesdienst anders gestalten wollen. Ich lese aus 1.Mose 18, 20-33, die Fürbitte des Abraham für Sodom:
Textlesung
Unsern Besuchern sei gesagt, dass dieser Abschnitt zugleich eine recht gute landeskundliche Einführung für einen Besuch auf dem Merkato ist, noch besser allerdings geeignet für einen Besuch im Nahen Osten. Es mutet schon an wie auf einem orientalischen Basar, wenn man hier Abraham und Gott im Zwiegespräch lauscht. Da wird gehandelt und gefeilscht, überzeugt und bewegt. Doch geht es nicht um Ware, sondern um das Schicksal von Menschen. Es ist eine jener alttestamentlichen Geschichten, bei denen sich ob der menschlichen Beschreibung Gottes einerseits die Stirn des Theologen kraust, einem andererseits aber das Herz aufgeht darüber, wie sehr der erhabene Gott sich bewegen und mit sich reden, ja verhandeln lässt. "Feuer - Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und nicht der Philosophen Gott und nicht der Gott der Weisen" - so fand man es auf einen kleinen Zettel gekritzelt, eingenäht in die Jackentasche des großen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal.
Aber zurück zu Abraham. Ich finde, er selbst ist ein gar nicht so schlechter Theologe. Schließlich appelliert er nicht in erster Linie an Gottes Erbarmen, sondern an seine Gerechtigkeit. Er weiß um das Wesen seines Gottes, weiß, dass der für Mischpat und Zedaka, für Recht und Gerechtigkeit steht. Gott ist nicht der "liebe Gott", den in seiner Harmlosigkeit keiner ernst nimmt. Abraham weiß: Gott ist im Begriff, Gericht zu halten über eine Gemeinschaft, die ihre Freiheit missbraucht, die Leben zerstört und den Schwächeren mit Füßen tritt. Er ist nicht der liebe Gott, aber er ist der liebende Gott, der zu unterscheiden weiß und den Unschuldigen nicht in Sippenhaft nimmt, wenn er Gericht über die Bosheit der Menschen hält.
So appelliert Abraham an Gottes Gerechtigkeitssinn. Er nimmt ihn ernst, und gerade darum rechtet er mit ihm. Es ist in der Tat ja fast unanständig, wie der Glaubensvater Israels hier mit seinem Gott redet. Daraus, dass dieser sich darauf einlässt, kann man doch eigentlich nur einen Schluss ziehen: es gibt kein richtiges und falsches Gespräch mit Gott, kein frommes und unfrommes Gebet, es gibt höchstens ein echtes und ein halbherziges Beten. Die Fürbitte des Abraham ist echt. So echt wie das verschmitzte Gebet des Rabbi im Waggon der Deportierten. So echt wie das Gespräch Don Camillos mit seinem Jesus, als er das Kreuz auf der Schulter auf den Bürgermeister Peppone und die versammelten Dorfkommunisten zustürmt und dabei an seiner Schulter hoch schaut und sagt: "Halt dich gut fest, Jesus, ich hau jetzt zu." (Dass Jesus ihm dann liebevoll auf die Schulter klopft und sein Vorgehen korrigiert, sei allerdings auch erwähnt).
Um mit Gott zu reden, braucht man keine Agende. (Für die Konfis: Das ist das große schwarze Gottesdienstbuch, das in vielen Kirchen auf dem Altar liegt).
Vor kurzem verstarb Gnanabaranam Johnson. Viele kennen sein berühmtes Gebetbuch: "Heute, mein Jesus". Dieser indische Christ und spätere Bischof seiner indischen Kirche hat Generationen von Menschen mit seinen schlichten und alltagsnahen Formulierungen zum Gebet ermutigt. Vorige Woche habe ich den Aufruf unseres Auslandsbischofs zum Gebet für aktuell verfolgte Christen in Nordindien weitergegeben. Darum möchte ich heute das Gebet vorlesen, das mir mit der Nachricht vom Tode Johnsons vor ein paar Tagen in die Hände fiel, es passt sehr gut in diese Situation hinein:
Tröstet sie.
Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott (Jesaja 40,1)
Tröstet das Volk nicht mit leeren Worten,
sondern mit der guten Nachricht von Jesus.
Tröstet das Volk nicht mit euren Anweisungen,
sondern mit eurem Mitleiden und euren Opfern.
Tröstet das Volk nicht mit Almosen,
sondern durch Teilen.
Tröstet die Armen.
Mit ihnen erklärt sich Jesus solidarisch.
Tröstet, die bereut haben.
Ihnen bietet Jesus die Vergebung an.
Tröstet die Hinterbliebenen.
Jesus verspricht die Auferstehung.
Tröstet die um des Glaubens
und der Gerechtigkeit willen Verfolgten.
Sie sind Gott besonders wert.
Tröstet die Unterdrückten.
Der Herr wird sie aufrichten.
Tröstet die Beleidigten.
Der Herr wird sie fröhlich machen.
Mein Jesus,
ich danke Dir für die Menschen,
die mich in meinem Leid getröstet haben.
Hilf mir, die Trostlosen zu trösten
Und ihnen Freude und Frieden zu bringen.
Amen.
(aus:Johnson Gnanabaranam, Mein Jesus mache mich neu - Gespräche mit Gott, Erlangen 1986, S. 28)
Johnson tritt ein für andere Menschen. Genau das tut Abraham auch. Er nimmt eine priesterliche Funktion wahr. Er tritt für die anderen ein. Nicht nur für die Frommen. Abraham zeigt damit allen Glaubenden ihre Berufung: Für andere Menschen vor Gott einstehen. Das ist die Berufung der Kirche. Dietrich Bonhoeffer hat die Formel der "Kirche für Andere" geprägt. Kirche muss Kirche für andere sein, oder sie ist keine Kirche. Das geschieht übrigens auch jeden Sonntag im Gottesdienst: Der Ruf "Kyrie Eleison" bittet um Gottes Erbarmen nicht nur für die versammelte Gemeinde, sondern für alle Menschen, auch für alle, die nicht oder nicht mehr beten können (K.Hillringhaus).
Es ist den großen Glaubensgestalten des Alten oder besser gesagt des Ersten Testaments gemeinsam, dass sie leidenschaftlich für andere Menschen eintreten. Abraham ist es egal, was Gott jetzt von ihm denkt. Es ist ihm nicht peinlich, so zu bitten. Mose schlägt am Sinai Gottes Angebot aus, nach dem Tanz ums Goldene Kalb das Volk zu vernichten und mit ihm, dem Mose, noch einmal von vorn anzufangen. Er erinnert Gott an seine Verheißung, und Gott bekehrt sich zu seiner ursprünglichen Absicht. Bei beiden ist es die Bitte, dass Gott sich selbst und seinem Wesen entsprechen und darum doch Gnade vor Recht ergehen lassen möge.
Und Gott reagiert. Er lässt sich auf den Handel ein. Und wenn es nur zehn Gerechte sind: "Ich will sie nicht verderben um der zehn willen." Aber es sind keine zehn. Am Ende ist es nur Lot. Sodom und Gomorrha sind sprichwörtlich geworden, Orte der Lebensverneinung und der absoluten Gesetzlosigkeit. Kein blindes Geschick, keine kosmische Katastrophe, sondern Gewalt und Unrecht. Genauso wie es kein blindes Geschick ist, wenn aufgrund von grenzenloser Gier und Habsucht die Weltmärkte ins Wanken kommen (Aber darüber haben wir letzte Woche nachgedacht). Gegen alle Ohnmachtserfahrung hat Abraham alles versucht, das Steuer herumzureißen. Sein Gebet geht als leidenschaftliche Geste in die Geschichte des Glaubens ein. Nicht unversucht zu lassen, mit Gottes Hilfe Zustände zu ändern und Menschenherzen zu bewegen. Es klappt nicht immer.
In Berlin tagte letzten Sommer zeitgleich mit uns Auslandspfarrerinnen und -pfarrern eine Konferenz christlich bewegter Menschen, die alle möglichen schrägen Gestalten der Politik einladen, um Veränderung zu bewirken und auch auf diese Menschen und ihre Motive einzuwirken. Manchem dieser Leute zu begegnen muss sicher schwer fallen, so manches schwarze Schaf war auch aus den Krisengebieten Afrikas dabei. Es ist der Versuch zur Veränderung auch dieser Menschen und ihrer Gesinnung.
Und doch gibt es eine Grenze. Ich muss noch einmal an Bonhoeffer denken. Als die Schlinge sich immer enger um Berlin zieht, versuchen die Nazis ihn als Verbündeten zu gewinnen, um mit den Alliierten zu verhandeln. Bonhoeffer lehnt ab. Er sagt: "Wenn ich das tue, verrate ich alles, wofür ich gelebt habe." Kirche für andere bedeutet nicht, alles zuzulassen. Es bedeutet: für die eintreten, die von den anderen verlassen wurden. Das führt in Konflikte. Besonders da, wo die Mächtigen sich die Kirche gefügig machen wollen. Das passierte nicht nur vor 60 Jahren, das geschieht auch heute.
Wie in jedem Gottesdienst haben wir gleich eine Zeit der Fürbitte, des Gebets für andere Menschen. Laut oder auch in der Stille können wir da Menschen vor Gott bringen und dabei ein Licht anzünden. Namen und Situationen vor Gott ausbreiten. Und fest vertrauen, dass er da ist und mit sich reden lässt.
Übrigens, das Ende des Films "Zug des Lebens" bleibt sehr unbestimmt. Ein Happy End im Film ist zwar immer schön, aber nicht immer ehrlich. Es bleiben Fragen, auch Fragen an Gott. Warum er sich manchmal verbirgt und nicht zu reagieren scheint. Doch eins bleibt gewiss, etwas, was Abraham nicht geahnt hat: Um des Einen willen, der für uns Menschen gelitten hat, bleiben wir verschont.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.