Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt am 02.11.08 zu Mt. 5,1-11

Seligpreisungen

Liebe Gemeinde,

Alles hat seine Zeit, sagt der Prediger in dem Abschnitt, den wir gerade gehört haben. Eigentlich ist es heute der Predigttext. Seine melancholisch klingenden Worte gehören zu den bekanntesten des Alten Testaments. Auf überraschend moderne Weise spiegeln sie das Lebensgefühl vieler Menschen wider, auch heute zweieinhalb tausend Jahre später. Das Buch Prediger ist den Nihilisten unserer Tage leichter zugänglich als jedes andere biblische Buch. Sartre, Camus und viele bezeugen es (nach Hans Walter Wolff in "Bibel AT"). Es stellt Fragen an das Leben, an den Sinn, in ihrer Nüchternheit irritieren diese Worte. Soll denn die Bibel, soll Gottes Wort nicht vielmehr Antwort geben und Sinn stiften?

Dass die Bibel selbst die Rätsel des Alltags, die Erfahrung von Freude und Leid, ja die Sinnkrise eines grübelnden Menschen aufnimmt und in so einprägsame Worte fasst, das ehrt sie. Es beweist, dass Gott uns in seinem Wort abholen will bei unseren alltäglichen Nöten und Erlebnissen. Doch fällt es mir schwer, über diese Sätze eine Predigt zu halten. Ich möchte ihnen darum Worte aus dem Neuen Testament gegenüberstellen, ebenso bekannte wie die aus dem Predigerbuch über die Zeit. Es sind Sätze Jesu, die er seinen Nachfolgern zuspricht. Die evangelische Kirche ordnet sie dem Reformationstag zu, der vorgestern war. Ich meine die Seligpreisungen am Beginn der Bergpredigt, Mt 5,1-10:

1 Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Liebe Gemeinde, diese Worte Jesu sind von großer Kraft, sie gehören zu denen, die unsere Konfirmanden und Firmlinge lernen müssen. In der neunten Klasse sind sie gerade Bestandteil einer Unterrichtsreihe zum Thema Glück. Die Seligpreisungen sind Teil einer revolutionären Rede. Denn nicht der wird gepriesen, dem es gut geht, der hat, was er braucht: Frieden, soziale Absicherung, Meinungsfreiheit, Verschonung vor Unglück, Krankheit und Leid, der unter ungerechten Verhältnissen nicht zu leiden hat, und wenn doch: der sich, wenn es nötig ist, wehren kann, sein Recht einklagen, mit der Chance, sich am Ende durchzusetzen.

Sondern im Gegenteil: selig werden genannt, die das alles nicht haben, denen man nicht gratulieren kann, sondern die man eher bedauern müsste. Die Dinge werden auf den Kopf gestellt, gratuliert wird den Mittellosen in geistiger, geistlicher, rechtlicher und sozialer Hinsicht. Und doch geschieht es nicht aus einer melancholischen Grundhaltung heraus wie noch im Predigerbuch, vielmehr begründet Jesus das alles mit einer konkreten Zukunftserwartung: es wird geschehen, dass Entbehrung, Leid, Niedrigkeit, Gottesferne verwandelt werden in Fülle, Gerechtigkeit, Gottesnähe, ja Gotteskindschaft.

Gott selber ist es, der das tun wird. Darum passen sie gut zum Reformationsfest. Gott handelt. Er tut´s. Er macht´s. Schon immer verbinden die Seligpreisungen als gelesenes und gepredigtes Evangelium das Reformationsfest mit Allerheiligen. Sicher würden wir sie falsch verstehen, wenn sie auf die herausragenden Gestalten der evangelischen und katholischen Kirche einengen. Es geht weder um Selige und Heilige im Sinne der katholischen Tradition noch um Heldenverehrung für die Reformatoren. Immer wieder hat man die Worte Jesu auf besonders heilige Menschen bezogen. Oder sie als ethische Ermahnung verstanden, etwa in der Friedensfrage. Aber haben wir es hier mit christlicher Tugendlehre zu tun? Vielleicht auch, aber nicht in erster Linie.

Schauen wir mal auf diesen Moment, wo Jesus anfängt zu den Menschen zu sprechen. Es heißt da zuvor, dass sie in Scharen angereist sind, von überall her, um ihn zu erleben. Man kann das geradezu sehen, wie diese vielen Menschen etwas mitbringen, was sie umtreibt und zu Jesus treibt: sie alle haben eine große ungestillte Sehnsucht nach Leben. Sie sehnen sich nach dem Echten. Sie suchen nach authentischem Leben. Sie möchten einfach Glück.
Dass ihre Sehnsucht ungestillt ist, haben sie spätestens seit ihrer Berührung mit Jesus gemerkt. Als er durch ihre Städte und Ortschaften zog, als er Kranke heilte und Gebeugte aufrichtete, da müssen sie es gemerkt haben: Was wir bisher unter Leben verstanden und davon erwartet haben, das kann nicht alles sein. Jetzt wo wir ihm begegnen, wird vieles zweitrangig, was wir für so wichtig hielten.

Und so mögen wir uns fragen: Welche Erwartungen habe ich eigentlich an das Leben? Welche Zielvorstellungen, welche Wünsche und Sehnsüchte habe ich? Was für Vorstellungen habe ich von meinem Glück? Dass uns solche Fragen bewegen, hat mit dem zu tun, was der Prediger sagt: Gott hat die Ewigkeit in das Herz des Menschen gelegt. Oder, wie Augustinus einmal gesagt hat: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

(Warum eigentlich fasziniert Halloween so sehr? Warum hat es in einem gekonnten Doppelschlag sowohl das Reformationsfest als auch Allerheiligen besiegt? Der Soziologe Gerhard Schulze hat ein dickes Buch über die Erlebnisgesellschaft geschrieben. Er sagt: Einem enormen Erlebnisreichtum steht eine ebenso große Erfahrungsarmut gegenüber. Immer neu den letzten Kick erproben und doch an arm an echter Lebenserfahrung. Ohne kirchlichen Hintergrund stellt er fest: Die Grundfrage heute lautet: Wie werde ich glücklich? Da ist sie wieder, die Frage nach dem Glück. Wer ist glücklich zu nennen? Wie werden wir glückliche, selig zu nennende Menschen? Und das heißt für mich als Frage: Ziehe ich aus den Dingen mein Lebensglück, oder bin ich dankbar für Gottes Gabe? Reformation ist wie gesagt kein Heldengedenken. Vielmehr werden wir an erinnert an Gottes Handeln für uns. So soll die Freude in uns neu geweckt werden, dass in Christus der Lebensdurst gestillt ist.)

Boris Pasternak erzählt in seinem Roman "Dr.Schiwago", wie eine junge Frau in einem eigentlich langweiligen Gottesdienst plötzlich mit den Worten Jesu konfrontiert wird und sich persönlich von den vom Priester eigentlich heruntergeleierten Seligpreisungen angesprochen fühlt:

Lara war nicht fromm. Sie glaubte nicht an kirchliche Dogmen und Riten. Aber manchmal bedurfte sie einer gewissen inneren Musik, um das Leben ertragen zu können…Lara fand etwas von dieser Musik in Gottes Wort vom Leben. … Lara ging vorsichtig an den betenden vorbei, um ihre Kupfermünzen in den Opferstock zu werfen. Während der Priester die neun Seligpreisungen herunterleierte wie etwas, was alle ohnehin auswendig kannten, kehrte Lara an ihren Platz zurück…"Selig sind die geistlich Armen…Selig sind die Leidtragenden…Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit…"Lara fuhr zusammen: man sprach ja von ihr, sie war gemeint. Er hatte gesagt: Selig sind die Leidtragenden, die Schwachen und Unterdrückten. Sie haben der Welt etwas Besonderes zu sagen, ihnen gehört die Zukunft. Das also hatte Er gedacht. Das war Seine Meinung. Das hatte Christus gelehrt.

In das Grau ihres Alltags hinein treffen sie auf einmal die alten Worte wie eine innere Musik. Sie erkennt: ich bin gemeint. Mein Leben ist nicht mehr sinnlos. Mir gehört die Zukunft. (nach Hahn, Bibel und moderne Literatur)

Selig sind die geistlich Armen. "Arm vor Gott" sagt die Einheitsübersetzung, und damit trifft sie die Sache gut. Bettlerschaft vor Gott, das heißt doch, unserem Unvermögen steht seine Macht entgegen.

Selig sind die Leidtragenden. Ich erinnere mich an die Beerdigung einer Frau, die einen langen Leidensweg zu gehen hatte. Dennoch hat sie gerade diese Zeit als ihr "größtes und schönstes Erlebnis" bezeichnet. Sie dankte Gott für allen Reichtum an Freundschaft und Begegnung, den sie dadurch erworben hat.

Selig sind die Sanftmütigen. Das ist so ziemlich das 100%ige Gegenteil aller heute gefragten und gepriesenen Eigenschaften.

Selig sind die nach Gerechtigkeit Hungernden. Ob es Jesus am Ende doch nicht egal ist, wie egal uns heute die Nöte um uns herum sind? "Ich kenne keinen Millionär in Deutschland, der Steuern zahlt", wurde kürzlich ein hoher Finanzbeamter zitiert.

Die ersten vier Seligpreisungen nennen die Geringen, die Beladenen. Die anderen vier Seligpreisungen nennen die Tragfähigen, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Frieden machen. Zu den Armen, Hungernden, Leidtragenden, Verfolgten kommen die, die sich der Nöte annehmen.

So sind die Seligpreisungen zugleich Glückszusagen Gottes, sie sind Einladung zur Nachfolge Christi und sie sind eine Herausforderung zum Dienst, zur Hingabe an Gott und die Menschen. Die Seligpreisungen sind ein gutes Fundament, als einzelne und als Gemeinde unterwegs zu sein in einer bewegten Zeit.

Allerdings dürfen wir beim Hören der Seligpreisungen nicht von dem absehen, der sie ausgesprochen hat. Jesus will uns nicht nur ein paar Lebensweisheiten zurufen. Etwa vom Segen des Leidens und der Armut und davon, dass man durch das Leiden reifer werde. Er weiß sehr wohl, dass man darunter zerbrechen und unter der Last der Einsamkeit in den Tod getrieben werden kann. Dass man statt ins Gebet ins Fluchen getrieben werden kann und statt ins Lob in die Klage und Anklage. Er wiederholt nicht den Fehler der Freunde Hiobs, die schließlich "allzumal leidige Tröster" sind. Vielmehr weist Jesus mit all diesen Worten geheimnisvoll auf sich selbst. Er ist der geistlich Arme. Er nimmt das Leid auf sich bis in den Tod. Er ist sanftmütig, barmherzig, reines Herzens, er wird verfolgt bis in den Tod. Und indem er nun da ist, indem er mitten unter uns steht, kommt er nicht als religiöser Lehrer, sondern als Herr des Lebens, als Heiland. Da hören wir nicht nur Worte, sondern da geschieht etwas mit uns. So sind die Seligpreisungen eben doch nicht Vertröstungen aufs Jenseits. Hier und jetzt werden sie wirkmächtig: "Selig sind", nicht: "Selig werden sein".

So können wir aus den Brunnen schöpfen, die bei ihm bereitstehen: aus seinem Wort, aus dem lebendigen Gespräch mit ihm, der Erwartung, dass er wirklich lebt und regiert und handelt. Aus dem offenen Umgang miteinander und der Ehrlichkeit, die uns mehr bringt als ein tolles, aber verlogenes Image. Ich möchte schließen mit Sätzen von Bill Hybels, der mit seiner Großstadtgemeinde in Amerika das Modell einer Kirche für der Kirche entfremdete Menschen vorlebt:

"Firmen können dringend benötigte Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Das Bildungssystem kann nützliches Wissen über die Welt vermitteln. Selbsthilfeprogramme können effektive Methoden zur Verhaltensänderung anbieten. Fortschrittliche psychologische Techniken können zur Selbsterkenntnis beitragen. Das alles hat seine Berechtigung. Aber kann irgendetwas davon wirklich das Herz eines Menschen verändern?

Ich bin davon überzeugt, dass dies nur eine einzige Kraft auf diesem armen Planeten schaffen kann: Die Kraft der Liebe von Jesus Christus, jener Liebe, die Sünde besiegt, Schande auslöscht, Wunden heilt, Feinde versöhnt, zerbrochene Träume kittet und schließlich die Welt verändert, ein Leben nach dem anderen. Und das Wissen, dass der Gemeinde diese radikale Botschaft von dieser veränderten Liebe anvertraut ist, packt mein Herz jeden Tag aufs Neue." (Mutig Führen, S.23)
Amen.

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