Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt am 16.11.08 zu 2. Kor. 5, 16-21, Thema: Versöhnung

Prediger: Pfarrer Jürgen Klein, Hermannsburger Mission, Hosaina

Liebe Gemeinde,

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Ich möchte zunächst den Predigttext lesen, der im 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, im 5. Kapitel, Verse 16-21, geschrieben steht.

Lesung

Wir spüren wieder etwas von der Kraft der Versöhnung in diesen Tagen: Vor Kurzem wurden wir Zeugen der Versöhnung zwischen der Äth.-Ev. Kirche Mekane Yesus und der aufgrund des damaligen sog. "Sprachenstreits" abgespaltenen Addis Abeba und Umgebung Mekane Yesus Kirche. Kaum jemand hatte dies nach Jahren der Trennung mit vielen Querelen, Rechtsstreitigkeiten sowie zerrüttenden innergemeindlichen Konflikten erhofft, obwohl es Gebetsgruppen gab, die in ihrer Fürbitte daran dachten. Es war eine zutiefst geistlich geprägte Versöhnung mit Aussprachen, gegenseitiger Vergebung, mit einer ausdrucksstarken symbolischen Handlung - mehrfach wuschen sich die Verantwortlichen gegenseitig die Füße unter Tränen - und dem Unterschreiben einer Vereinbarungserklärung, die beim Federal High Court hinterlegt wurde. Hierzu waren auch Vermittler aus Amerika gekommen. Diese Versöhnung dauert noch an und wird in allen Synoden und Gemeinden, die von der Trennung betroffen waren, umgesetzt. Die neu gewonnene Einheit wird auch nächstes Jahr im Januar zu den Feiern anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Kirche im Lande zum Ausdruck kommen.

Derzeit gibt es zwei andere Bereiche, in denen die Mekane-Yesus-Kirche an der Versöhnung beteiligt ist: Zum einen geht es um die Versöhnung zwischen den Tätern und Opfern der Derg-Zeit, der "Zeit des roten Terrors". Einige schon seit langer Zeit inhaftierte Gefangene, von denen einige auf ihre Hinrichtung warten, haben Kirchenleitende und -mitglieder um Gespräche gebeten, in denen sie kniend um Vergebung für die von ihnen begangenen Gewalttaten gebeten haben. Die Kirche setzt sich derzeit bei der Regierung um Amnestie der Gefangenen ein und bemüht sich um eine Gelegenheit, der Vergebung symbolisch einen Ausdruck zu geben.

Im dritten aktuellen Fall geht es um die Versöhnung zwischen der Regierung und einer illegalen politischen Gruppierung einer großen Volksgruppe, in der wiederum die Mekane-Yesus-Kirche vermittelnd involviert ist. Auch hier ist es über Jahre hinweg zu vielen Inhaftierungen mit viel Leid für die Familien gekommen.

Hinzu kommen auch die ethnischen Konflikte im Lande, die oft durch Landfragen entstehen, bei denen die Kirche auch eine versöhnende Stimme hat. Dies alles zeigt die wichtige Rolle, die die Kirche bei gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen, Krisen und Konflikten spielt.

Die Kraft, die aus der Versöhnung mit Gott durch Jesus Christus erwächst, ermächtigt Christen, selbst das Amt der Versöhnung als Botschafter an Christi Statt wahrzunehmen.

Der 11. September 2001: Nach den Anschlägen, die die Welt erschütterten, sagte Osama Bin Laden in einer Videoansprache am 07.10.2001: "Die ganze Welt ist nun in zwei Lager geteilt: das Lager der Gläubigen und das Lager der Ungläubigen". Und George W. Bush sagte ebenso stereotyp: "Es gibt in diesem Kampf keine Neutralität". Er meinte den "War of Terror", den Krieg gegen den Terrorismus. Navid Kermani beschreibt in seiner Studie "Dynamit des Geistes", dass der Terrorismus des 11. Sept. noch abstrakter geworden ist. Er sei nicht unbedingt direkt aus dem Koran abzuleiten, sondern auch ein Ergebnis der Moderne mit Tendenzen zu Nihilismus und einer Suche nach Sinnfindung. Dies zeige das Profil der Terroristen, die aus westlich-modernen Milieus kommen. Zu entschuldigen ist der Terror keinesfalls! Netzwerke des Terrorismus stehen gegen Netzwerke des Krieges gegen den Terror, auch am Horn von Afrika. Bemerkenswert ist dabei der Umgang mit dem Begriff des Terrorismus, obwohl es hier um durchaus präziser wahrnehmbare Gruppierungen und Interessen geht.

Den großen Versöhner gab es und gibt es im Blick auf die Konflikte mit Eritrea und Somalia, vor allem aber für die Kriegszustände in Irak und Afghanistan bis jetzt noch nicht. Viele Menschen setzen ihre Hoffnung auf einen "Big Change" in der Weltpolitik auf Barack Obama. Im religiösen Bereich haben Viele die versöhnende Arbeit an der friedlichen Verbesserung der Christlich-Muslimischen Beziehungen, von der ich am vergangenen Donnerstag Abend berichten durfte, aufgenommen, um Antagonismen / Gegensätzlichkeiten - auseinanderdriftende und provozierend-aggressiv extremistische Tendenzen -, die zu lokalen und regionalen Konflikten mit Personen- und Sachschäden führen, zu entkräften, und die Konfliktprävention betreiben, um Menschenleben zu retten und Frieden zu schaffen.

Als Reaktion auf die provozierenden Worte des Papstes am 12.09.2006 während einer Rede in Regensburg, haben 138 muslimische Gelehrte und Leitende einen Brief mit der Überschrift "A common word between you and us" (Ein gemeinsames Wort zwischen euch und uns) an den Papst und alle Christen weltweit verfasst, in dem sie ihre Gesprächs- und Dialogbereitschaft auf theologischer Ebene mit dem Ziel friedlicher Koexistenz geäußert haben. Dies ist einmalig in der Geschichte. Auch die Protestanten haben positiv darauf reagiert. Letzte Woche berichtete die Frankfurter Allg. Zeitung vom ersten Treffen eines Katholisch-Muslimischen Forums, auf dem die Suche nach gemeinsamen Werten auf Basis der Gottes- und Nächstenliebe zu Themen wie Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität von Individuen und Völkern begann. Hoffen wir, dass zügig praktisch umsetzbare Ergebnisse entstehen.

"Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen", steht bei Matthäus im 5. Kapitel. Ein aktives Moment schwingt hier mit - die Christen sollen diejenigen sein, die initiativ auf die Anderen zugehen sollen, um Frieden zu schaffen.

Die Friedens- und Versöhnungsarbeit - gegenüber Muslimen, aber auch gegenüber Menschen, mit denen wir unversöhnt sind - beginnt im Kopf, bei der Erneuerung des Sinnes, wie es in Römer 12,1-2 steht. Dort ist das Reservoir an Vorstellungen, Denk- und Handlungsmustern angesiedelt, die teils zu positiven, teils zu negativen Beurteilungen führen. Diese "Folien im Kopf", oft durch einseitige Medienberichterstattung genährt, gilt es zu hinterfragen, zu verändern und zu erneuern, wenn wir den Frieden Christi authentisch weitergeben wollen.

"Darum kennen wir von nun an niemand mehr nach dem Fleisch", sondern können den Kopf frei kriegen von Vorurteilen anderen Menschen gegenüber.

Wie kann ich versöhnt werden mit jemanden, gegen den ich hadere, negative Gedanken habe, mit dem ich zerstritten bin, durch den ich verwundet und verletzt wurde? Wen habe ich konkret vor Augen, jetzt und heute?

Drei Dinge möchte ich herausstellen, die für eine Versöhnung hilfreich sind:

1. Versöhnung braucht Vermittler

Das Amt der Versöhnung ist komplex. Es beinhaltet die Fähigkeit, die unterschiedlichen Meinungen, Verletzungen und zugefügten Schäden objektiv wahrzunehmen. Als Mediator ist der Versöhnende Brückenbauer, Ausgleich Suchender und Schlichter. In Äthiopien werden hierzu Älteste herangerufen, die die auseinander gegangen Personen oder Parteien langsam wieder auf einen Punkt zusammenführen, an dem sie sich treffen, sich vergeben, einigen und versöhnen können. Versöhner helfen, durch Verhandlungen eine Vereinbarung zu finden, bei der die Identitäten nicht aufgegeben werden müssen, sondern die Ehre gewahrt bleibt. Ein Ergebnis kann sein, dass die Beteiligten in versöhnter Verschiedenheit miteinander auskommen können. Gibt es jemand, dem ich so vertrauen kann, dass er mich mit einer anderen Person versöhnen kann?

2. Versöhnung braucht Vergebung

Ohne Erkenntnis der Schuld, das Eingeständnis, etwas Falsches oder einen Fehler begangen zu haben, gibt es keine wahre Versöhnung. Christen schöpfen aus der großen Gnade Gottes, der die Sünden ohne Gegenleistung vergibt. Dies kann auch uns frei machen, anderen zu vergeben - egal wie groß die Schuld mir gegenüber auch gewesen sein mag. Manche Menschen leben bis zu ihrem Tod verbittert mit nicht versöhnten Zuständen. Dies erzeugt einen Unfrieden in ihnen, den sie oftmals auf andere Menschen projizieren. Das Evangelium von Jesus Christus ruft uns, davon frei zu werden.

3. Versöhnung braucht starke Symbole

"Das Kriegsbeil begraben" sagt eine Volksweisheit. Früher wurde in Äthiopien nach einer Versöhnung ein Rind oder anderes Tier geschlachtet. Wie bereits erzählt, fand neulich eine gegenseitige Fußwaschung unter Tränen statt. Das Symbol tritt an die Stelle einer Wiedergutmachung, und sollte daher dem Gewicht des Verletzt- oder Verwundetseins entsprechen. Der Konflikt soll wirklich beendet werden, ein Neuanfang gemacht werden.

Das Kreuz Jesu ist das stärkste Symbol: Gott geht in seinem Sohn aus sich heraus in die Not der Menschen, erleidet die letzte Konsequenz der Sünde, des Abgeschnittenseins vom Leben - den Tod. So schließt er uns, die von Gott Entfremdeten wieder in das Leben ein - so wie der Vater den verlorenen Sohn in seine Arme schließt. Ein Ausdruck Gottes bedingungsloser Liebe. Das Kreuz verbindet alle Gegensätze, überwindet selbst den Gegensatz von Leben und Tod.

Unser Körper trägt in sich die Grundform des Kreuzes. Wenn wir aufrecht stehen und die Arme weit öffnen, so sind wir ein Kreuz. Wir spüren die Spannungen, wenn wir länger in dieser Körperübung ausharren. Wir leben in einer Spannung, die wir nur begrenzt aushalten können. Konflikte sind natürlicher Teil unseres Lebens, aber die Konflikte zu lösen und lösen zu lassen, wird uns durch Jesus Christus, durch sein Beispiel und sein Leiden, durch seine Versöhnung immerwährend angeboten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unsern Herrn. Amen.

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