Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt am 29.11.08 zu Jesaja 40,1-5, Thema: 1. Advent

Liebe Gemeinde,

Wann sind Sie, wann bist du das letzte Mal getröstet worden? Hast erfahren, welche Kraft darin steckt, wirklich getröstet zu werden. Als Kind, wenn du dein Spielzeug verloren hast oder es kaputt gegangen ist. Als Jugendlicher, wenn die Freundin oder Freund dir die Freundschaft aufgekündigt hat. Als Erwachsener, wenn ein Traum zerplatzt ist oder eine Beziehung zerbrochen. Wenn wir Abschied nehmen mussten von einem lieben Menschen. Wie gut tut Trost, wenn er echt und tief ist und wir nicht die Erfahrung Hiobs machen, der seinen frommen Freunden vorwarf: "Ihr seid allzumal leidige Tröster!"

Mag sein, wir sind zu abgeklärt und meinen, Trost sei eher etwas für Kinder oder für alte Leute. Aber wir Erwachsenen, brauchen wir das? Und gar ein ganzes Volk, wie soll das gehen? "Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott."

70 Jahre lang waren sie bereits in der Verbannung, im Exil. Saßen an den Wassern von Babylon und weinten oder hatten es sich eingerichtet in der Fremde. In der anderen Kultur, unter den fremden Göttern, verunsichert im eigenen Glauben, die Erinnerung an den Tempel verblasst, das Heiligtum längst zerstört. Zum Vergleich: 70 Jahre, solange bestand die Sowjetunion, und solange war christlicher Glaube dort unterdrückt über drei Generationen hinweg. Und nur 12 Jahre braune Herrschaft und 40 Jahre DDR haben ausgereicht, Religion und Glauben aus dem Kernland der Reformation zu verdrängen. Sicher hat das viele Gründe, zum Teil ist die Kirche selbst dran schuld, dass sie heute als "institutionalisierte Belanglosigkeit" wahrgenommen wird - wenn sie überhaupt noch registriert wird - und dass christlicher Glaube nur mehr als eine Option unter vielen auf dem Markt der weltanschaulichen Möglichkeiten gilt. Jemand hat gesagt: Im Westen haben die Menschen Gott vergessen, im Osten haben sie vergessen, dass sie ihn vergessen haben.

Doch bei den Juden am Euphrat war das anders. Sie litten enorm am bleibenden Verlust, die Trauer groß, die Sehnsucht stärker. Auch wussten sie sehr wohl, dass das alles nicht einfach so über sie gekommen war. Sie hatten hinter dem Geschehenen die Hand Gottes gesehen. Die großen Propheten hatten angekündigt, dass es so kommen musste. So waren sie es gewohnt, aus deren Mund Unheil, Gericht und Strafe entgegenzunehmen. Der erste Jesaja hatte Recht behalten, Jeremia und Hesekiel ebenso: es war zur Katastrophe gekommen. Die Propheten, so haben wir es gerade noch bei Amos gelernt, predigen das nahende Gericht. Gewiss, es gab auch solche, die Frieden und Heil verkündeten, egal wie es um sie herum aussah, aber das waren die falschen Propheten. Jeremia stellt fest: "Sie sagen Friede, Friede, und ist doch kein Friede." Der zu enge Schulterschluss zwischen Staat und Kirchenleitung funktioniert schon immer so, dass Kritik nicht erwünscht ist.

Aber nun sind 70 Jahre vergangen, doppelt und dreifach hat das Volk seine Strafe abgebüsst. Und nun kommt einer, der nicht einfach "Friede" ruft, aber der um den Zustand des Volkes Gottes weiß. Wir nennen ihn den zweiten Jesaja, im 40.Kapitel des Prophetenbuches erhebt er seine Stimme, und er hat nur einen Auftrag: Er kündigt den Advent Gottes an. Er ruft den Verzagten zu: Euer Gott kommt und alles wird gut!

Textlesung Jes.40,1-5

Ein dreifacher Ruf ergeht an die Israeliten, die dabei waren, ihre Identität zu verlieren, ihre Herkunft zu vergessen, ihren Glauben aufzugeben.

Ein dreifacher adventlicher Ruf ergeht an uns heute, wo auch immer wir uns orten in Fragen der Religion und des Glaubens, ob kirchlich oder eher säkular. Wenn "des Herrn Mund redet", dann kommt es nicht darauf, wie wir selbst uns einschätzen. Dann sind wir alle eingeladen, aufzuhorchen und die Chance des Neuanfangs wahrzunehmen.


I) Gott kommt uns entgegen

Denn das ist der erste Ruf, es geht um den neuen Anfang. Er lautet: Gott hat euch nicht vergessen. Er kommt euch entgegen. Gott meint es gut mit euch. "Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat." Etwas geht zu Ende, ein neues beginnt. Ein neuer Anfang unter der Regie des freundlichen Gottes. Wenn das Gewitter sich verzogen hat, klart es auf. Die Luft ist rein, in großer Klarheit können wir weit blicken. Israel hat die Konsequenz seiner Schuld getragen. Nun schenkt Gott den neuen Anfang. "Der Katholik hat die Beichte, ich habe meinen Hund", sagt Max Frisch und erinnert damit an einen Verlust. Wie gut tut es, Schuld zuzugeben und Lasten loszuwerden, wenn es freiwillig und nicht kirchlich verordnet geschieht. "Im Namen Jesu Christi - dir sind deine Sünden vergeben." - das ist Gottes Seelsorge an uns Menschen, seine Art, freundlich mit uns zu reden. Dazu braucht es nicht unbedingt den Pfarrer, aber auch er oder sie sollte dazu bereit sein, wenn es dran ist.

Gott meint es gut. Er ist nicht der Buchalter unserer Defizite. Was tun Sie, wenn Sie daheim im Rückspiegel ein Polizeiauto entdecken? Sie schauen auf den Tacho - oder nehmen als erstes den Fuß vom Gas. Manche Menschen haben den Polizei-Gott gespeichert. Wo immer er auftaucht, müssen wir auf die Bremse treten. Der Liedermacher Franz-Josef Degenhardt hat es mal ungefähr so ausgedrückt: "Als Kind war Gott für mich eine Mischung aus Knecht Ruprecht und dem Herrn Reichsgerichtspräsidenten." Ich weiß aus vielen Begegnungen: In unserer Gemeinde haben Leute Gott anders erfahren. Als den, der freundlich an unsere Seite tritt, unaufdringlich, aber mit fester Absicht: Ich will dich besuchen. Schon im Neuen Testament hören wir immer wieder, wie Gott sich Menschen in den Weg stellt und sie herausfordert: Komm, Zachäus, steig herab! Maria, weine nicht! Thomas, gib deine Skepsis auf. Petrus, steh auf, von nun an wirst du Menschen fangen.


II) Wegbereitung

Das ist schon der zweite Ruf: Gott kommt, darum geht ihm entgegen.

Advent, das ist die Zeit der Wegbereitung. "Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast" heißt es im Adventslied. Dass Jesaja hier ausgerechnet das Bild eines überdimensionalen Straßenbaus vor Augen hat, hilft uns hier in Addis nicht unbedingt weiter. Aber es ist so: Eine riesige Rampe soll den "großen Gast" empfangen: "In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott." Jesaja holt seine Zuhörer in ihrer Erfahrungswelt ab. Sie haben nicht die Baustellen in Addis vor Augen, wohl aber eine Vorstellung von den Prachtstraßen der Babylonier und davon, was abgeht, wenn der König sie abschreitet. Die Älteren werden sich erinnern, wie es war, wenn der Kaiser erwartet wurde, heute werden eher Kenenissa und Tirunesh so herrschaftlich empfangen.

Was hat es mit den Hügeln und Tälern auf sich? Bei Bonhoeffer fand ich diese Sätze:

"Die Täler sollen erhöht werden". Was in die Tiefe menschlichen Elends gestoßen ist, das Erniedrigte und Gedemütigte soll aufgerichtet werden. Es gibt eine Tiefe der menschlichen Unwissenheit, die das gnädige Kommen Christi hindert. "Die Berge und Hügel sollen erniedrigt werden." Wenn Christus kommen soll, dann muss alles Stolze und Hohe sich beugen. Es gibt ein Maß an Macht, an Reichtum, an Wissen, das für Christus und seine Gnade ein Hindernis ist. "Was krumm ist, soll richtig werden." Der Weg Christi ist ein gerader Weg. Es gibt ein Maß der Verstrickung in die Lüge, in die Schuld, in das eigene Werk, in die Selbstliebe, das das Kommen der Gnade besonders schwer macht. Darum muss der Weg gerade werden, auf dem Christus zum Menschen kommen soll. Trotz, Widerspenstigkeit und Ablehnung können den Menschen so verhärtet haben, dass dem gnädigen Kommen Christi der Riegel vorgeschoben ist und dem Anklopfenden keine Tür sich auftut. (Bonhoeffer Brevier, Kaiser S.492)

Advent feiern heißt: ich öffne mich für sein Anklopfen. Auch wenn manches dagegenspricht. Auch wenn ich gar nichts fühle. "In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg." Oft sind es gerade Wüstenzeiten, die zu Türöffnern für den Glauben werden. Alles zu haben und nichts zu entbehren - das verbaut uns oft eher den Weg, als dass wir unser Vertrauen wirklich Gott schenken.

In der Wüste hat Abraham den offenen Himmel gesehen und die Verheißung gehört - und erinnern wir uns: es war auch die Wüste seiner erloschenen Erwartung.

In der sibirischen Verbannung hat Dostojewski sein Neues Testament studiert und ist darüber Christus begegnet. Dieser Begegnung verdanken wir die schönsten Romane der Weltliteratur.

In den Gefängnissen, so hörten wir von Jürgen Klein vor zwei Wochen, haben Täter des Derg-Regimes zur Umkehr gefunden und zum Frieden mit Gott.

Zum Frieden mit Gott finden, das bedeutet: Ich muss mir selbst keine Prachtstraßen bauen. Überhaupt muss ich nicht krampfhaft nach eigenem Glück, nach eigener Anerkennung trachten. Ich darf mich fallen lassen in eine Wirklichkeit, die mein eigenes Leben übersteigt. Der Ruf des Propheten ist ein Ruf zum Lob Gottes, und damit sind wir beim dritten:


III) Omnia ad majorem Dei gloriam

Mit Pfarrer Schroedel waren wir Mittwoch bei den Jesuiten. Der ganze KonFirmkurs war dort eingeladen. Wir haben einiges über diese Glaubensgemeinschaft gelernt. Wisst ihr noch den Wahlspruch, das Leitmotiv der Jesuiten? Omnia ad majorem Dei gloriam. Alles zur höheren Ehre Gottes. Ob es immer so klappt, nicht nur bei den Jesuiten, sei dahingestellt. Aber genau da führt der Predigttext uns hin: "Denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen. Denn des Herrn Mund hat´s geredet."

Darum geht es: Kirche existiert und geschieht nicht um ihrer selbst willen. Wir kommen nicht zusammen, um es nett miteinander zu haben. Das hoffentlich auch, zum Beispiel morgen beim Basar, aber eben nicht nur. Denn wir haben eine gemeinsame Mitte: miteinander sind wir hier, um Gott zu loben. Wo immer wir leben, was immer wir tun - es möge zum Lobe Gottes geschehen!

Zum Lobe Gottes hat Heinrich Schütz die Worte aus dem Buch des Jesaja vertont. Tröstet, tröstet mein Volk! - diese großartigen Worte wird der Chor jetzt noch einmal aufnehmen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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