Liebe Gemeinde,
der Maler Vincent van Gogh schrieb einst seinem Bruder Theo von seiner Begegnung mit einem Gemälde des großen Rembrandt: "Vor diesem Bild könnte ich es 14 Tage nur mit einer Kruste trockenem Brot aushalten." Manche Worte der Bibel üben eine ähnliche Faszination aus. Man kann lange bei ihnen verweilen und sie immer wieder meditieren, was ja im wörtlichen Sinne so viel wie Wiederkäuen bedeutet. Es gibt aber auch andere Bibelworte, und an denen beißt man sich fast die Zähne aus. Der heutige Predigttext jedenfalls ist keine leichte Kost, zumal wir doch für die Adventszeit etwas Besinnliches erwarten! Ich lese das alte Evangelium des 2.Advent aus Lukas 21, die Verse 25-33:
Textlesung
Liebe Gemeinde, offensichtlich hat Jesus sich verrechnet. Längst haben seine Zeitgenossen und -zig Generationen nach ihnen das Zeitliche gesegnet - nur das Ende der Welt ist immer noch nicht gekommen. Dabei schien es schon oft da zu sein. Im Mittelalter starben ein Viertel aller Menschen in Europa an der Pest. Im Dreißigjährigen Krieg blieben in vielen Dörfern nur 5 Prozent der Bevölkerung verschont. Die beiden Weltkriege des vorigen Jahrhunderts hinterließen eine Spur der Verwüstung. Wir wissen einiges über apokalyptische Vorstellungen zur Zeit Jesu, können seine Worte von daher einordnen - und doch werden wir sie so nicht einfach los. Denn die Botschaft dieser Worte ist klar: Diese Welt hat ein Ziel, und wir alle gehen auf dieses Ziel zu. Es gibt nicht einfach den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Gott kommt seiner Welt entgegen, der Advent Gottes steht bevor, und darauf gilt es gefasst zu sein und sich einzustellen.
Wahrscheinlich lesen Christen in der Bedrängnis diese Sätze mit größerer Leidenschaft. 10.000 von ihnen haben Mossul verlassen, die Stadt im Norden Iraks, weil sie sonst Angst haben müssen, weggemordet zu werden. In Nordindien werden sie von fanatischen Hindus verfolgt, in Saudi-Arabien darf es sie eigentlich gar nicht geben. Wie viel, so frage ich mich manchmal, wäre von meinem Glauben noch übrig, wenn ich plötzlich mit einer solchen Situation konfrontiert würde? Wie stark wäre der Glaube meiner Kirche, wenn sie nicht wie jetzt in aller Freiheit ihre Arbeit tun könnte? Vielleicht würde ja die Sehnsucht wachsen, dass Er wiederkommt und alles neu macht und Erlösung bringt. Jedenfalls wird denen, die ihm nachfolgen, hier nicht noch der letzte Mut genommen, im Gegenteil: Seht auf und erhebt eure Häupter! Jesus spricht davon, dass der Kosmos ins Wanken gerät und sagt im selben Moment: "Habt Mut! Kopf hoch! Blickt auf!"
Das erinnert an die Geschichte, als Petrus auf den Wellen geht. Jene Szene mitten im Sturm, als der Jünger sich aufs Wasser wagt Jesus entgegen. Plötzlich knickt er ein und sinkt - er hatte einen Moment nicht auf Jesus, sondern auf das Chaos um sich herum gestiert. Doch Jesus packt ihn am Arm und zieht ihn aus dem Wasser.
Ganz so unvorstellbar ist das Szenario nicht, welches Jesus hier schildert: Auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres. Man muss ja nicht gleich den Titel des letzten SPIEGEL bemühen, der eine in die Ecke gedrängte Bundeskanzlerin zeigt und die Überschrift "Angela Mutlos" trägt. Wenn aber schon eine Rezession solch gewaltige Turbulenzen hervorbringt und bei vielen Menschen für große Unsicherheit und Angst sorgt, wie wird es erst sein, wenn die Himmel durcheinander geschüttelt werden: Die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde.
Das Volk des alten Bundes bekam ein Zeichen: Feuerschein und Wolke gingen ihm voran als Hinweis auf Gottes Gegenwart. Ungleich massiver und gewaltiger wird es sein, wenn die Neue Welt Gottes heran bricht: Und alsdann werden sie sehen den Menschen kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Das, was wir in jedem Gottesdienst, in jedem Vaterunser bekennen, wird für alle Welt sichtbar: Sein Reich, seine Kraft und Herrlichkeit. Wie beim Volk Israel einst in der Wüste wird es ein Weg in die Freiheit sein. Gewiss, die Welt wird in Wanken geraten, aber es werden auch Schlösser und Ketten gesprengt, das Unrecht besiegt, Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit aufgerichtet. Darum seht auf und erhebt eure Häupter. Blickt der Zukunft mit Hoffnung entgegen. Sie bedeutet Erlösung von Knechtschaft und Unterdrückung.
Ich wünsche mir diese Sehnsucht nach Gottes neuer Welt. Dass die Erwartung, dass er kommt und alles erneuert, stärker wird als alles Festhalten am Alten. Bei mir und bei uns, für die Kirche insgesamt. Ich stelle mir vor, wie das sein wird, auch wenn es sich nicht wirklich beschreiben lässt.
In den Märchen von C.S.Lewis ist das Land Narnia im Frost erstarrt, bis Aslan der Löwe als Befreier kommt. Es wird Frühling, als er sein Leben für die anderen einsetzt und hingibt.
Wie wird das sein, wenn Gott die Welt nach seinen Maßstäben endgültig neu ordnet? Dann werden keine Frauen mehr Lasten auf ihren Rücken schleppen, die sie erdrücken und ihnen das Kreuz krümmen. Dann werden keine Kinder mehr betteln müssen, weil sie kein Zuhause haben oder ihre Eltern selbst hilflos sind. Dann wird es keine Gefängnisse und ungerechte Urteile mehr geben, weil der wahre Richter Recht spricht.
Es ist gut, dass einer kommt "zu richten die Lebenden und die Toten." Es ist gut, dass am Ende nicht das gnadenlose Urteil von Menschen steht, sondern das Gericht Gottes kommt. Es ist töricht, dieses Gericht zu verneinen, weil es doch nur einen lieben Gott gäbe. Aber der liebe Gott ist der harmlose Gott, der uns nicht reinreden soll in unsere Angelegenheiten. Christus aber bringt Licht in alles Dunkel. Die mit ihm leben und sein Licht weiter reichen, dürfen ihre Häupter getrost erheben.
Den Vergleich mit dem Feigenbaum finde ich schwierig. Gemessen daran müsste der jüngste Tag längst angebrochen sein. Im Himmel werden wir mal Klarheit bekommen. Jetzt steht nur soviel fest: Wann auch immer der letzte Tag anbricht, meine "Endzeit" kann jeden Augenblick kommen. Dann stehe ich vor ihm und muss bereit sein. Aber ich darf wissen: die Erlösung hat er ja schon gebracht, Christ der Retter ist da und muss nicht erst noch kommen. Hier und jetzt schon aus seiner Gnade und Barmherzigkeit leben - das ist sein Angebot an jeden Menschen.
Jesus fasst seine Endzeitrede zusammen in einem gewaltigen Satz: Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht. "Verbum Dei manet in aeternum" Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit - mit diesem Satz endet die Barmer Theologische Erklärung der Bekennenden Kirche vom Mai 1934. Gegen das Geschwalle von der so genannten "Geschichtlichen Stunde" des Führers hatten hier Kirchenleute schlicht bekannt, was Gottes Wort selbst aussagt: Es wird alle Parolen der Machthaber überstehen, und seien sie noch so wortgewaltig und scheinbar einleuchtend vorgebracht. Im Epheserbrief lesen wir, dass jedes Knie sich einmal vor Christus beugen muss, auch die von Mugabe oder des iranischen Präsidenten mit dem unaussprechlichen Namen.
Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht. Das ist so ein Satz, den man lange bedenken kann. Vielleicht nicht 14 Tage mit einer Kruste trockenem Brot, aber doch so, dass uns dann noch das eine oder andere Wort einfällt, das uns schon begleitet und ermutigt hat. Oder Veränderung bewirkt, uns angestoßen und weitergebracht hat. Gewiss, Jesus hat offenbar erwartet, dass alles sich sehr bald erfüllt, in ihm ist Gott ganz Mensch geworden. Doch gehen Gottes Uhren anders, er lässt Zeit zur Umkehr und Hinwendung der Vielen. Er lässt sich selbst Zeit, bei ihm sind tausend Jahre wie ein Tag. Umso hilfreicher ist die Adventszeit. Da lassen wir uns erinnern: Gott ist zur Welt gekommen, und die Welt soll zu ihm kommen. Christus wird wiederkommen und den neuen Himmel und die neue Erde mitbringen.
Und noch ein Vorschlag am Ende dieser Predigt. Zwei der Verse unseres Textes sind in der Lutherbibel fett gedruckt. Zusammen mit vielen anderen Sätzen im Alten und Neuen Testament sind es Worte, die uns besonders ansprechen und die uns gute Begleiter sein wollen. Wenn wir die Bibel aufschlagen, können wir so auf Entdeckungsreise gehen. Bestimmt werden wir einen Satz finden, der uns weiterbringt, der uns Gott näher bringt. Rechts und links am Ausgang liegen solche Lutherbibeln aufgeschlagen, schauen Sie einfach mal hinein. Keine Frage, dass auch zwischen den fettgedruckten Stellen viel Wertvolles steht. Aber es hilft uns, unser Augenmerk auf Worte zu lenken, die hilfreich und gut sind.
Gott ist gekommen und er kommt wieder. In der Zeit, die dazwischen liegt, begegnet er uns in seinem Wort, das Bestand hat und auf das Verlass ist.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.