Liebe Gemeinde,
viele schöne Adventslieder gibt es, aber das älteste und zugleich schönste Adventslied ist wohl das der Maria. Lukas erzählt uns auf der ersten Seite seines Evangeliums, wie das junge Mädchen Maria sich auf den Weg zu Elisabeth begibt, der älteren Freundin und Verwandten, die ebenfalls ein Kind erwartet, nämlich Johannes den Täufer. Wir hören Lukas 1, die Verse 39-56:
39 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda
40 und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.
41 Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom heiligen Geist erfüllt
42 und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!
43 Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
44 Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.
45 Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.
Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
56 Und Maria blieb bei Elisabeth etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.
Liebe Gemeinde, der Lobgesang der Maria ist als so genanntes Magnifikat weltberühmt. Martin Luther hat es jeden Abend als Mönch im Kloster gebetet und später ein ganzes Buch über diese Verse geschrieben. Die russischen Zaren, die Feudalherrscher vergangener Jahrhunderte, so erzählt man sich, hat dieses Lied in Angst und Schrecken versetzt. Später haben die orthodoxen Christen in der Sowjetunion diesen Lobgesang Tag für Tag gesungen, als Lobpreis des dreieinigen Gottes gegen die Vergötterung der allmächtigen Partei. Indem sie das taten, konnten sie auch als Erniedrigte und Verfolgte ihre menschliche Würde bewahren.
Ja, der Lobgesang der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Hier spricht nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie von vielen Bildern her kennen, sondern die leidenschaftliche, hingerissene und begeisterte Maria. Nichts von den süßen, wehmütigen oder gar spielerischen Tönen mancher unserer Weihnachtslieder, sondern ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht, aber auch von Gottes Erbarmen und seiner Vorliebe für alles Niedrige und Unscheinbare. Es sind die Töne der prophetischen Frauen aus dem Alten Testament, Deborah, Judith, Mirjam, die hier im Munde der Maria lebendig werden, aber auch der Hannah, der Mutter Samuels mit ihrem Lobgesang. Es sind zugleich Worte der Andacht und Worte des Aufruhrs. Maria ist überwältigt vom dem, was sie auf sich und alle Menschen zukommen sieht. Vier Strophen hat ihr Lied, und in jeder ist Er der, der handelt. (teilweise zitiert nach Bonhoeffer, Predigt am 3.Advent 1933)
Strophe 1: Gottes Herz schlägt für die Niedrigen.
Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Man sollte doch meinen, Gott wählt sich einen bedeutenden Ort aus, um ihn zum Schauplatz seines Welterlösungswerks zu machen. Einen Ort, zu dem hin alle Völker schauen, etwa den Kaiserpalast in Rom. Stattdessen steigt er hinab in eine armselige Hütte am Rande der damaligen Welt. Er verschmäht die Kaiserburgen und Königspaläste und die, die darin residieren. Gott steigt dahin hinab, wo die Armut wohnt - und er belässt es dabei. Es gibt ja Geschichten von Herrschern, die einen begabten Menschen aus der Armut herausholen, um ihn dann mit Reichtum und Prunk zu umgeben und die Spuren seiner Herkunft zu verwischen. Gott aber verfährt in seiner Majestät genau umgekehrt. Er hat die Niedrigkeit und Armut eines palästinischen Mädchens zum Gefäß seines ewigen Reichtums gemacht. Er hat diese Niedrigkeit nicht weggenommen. Es war ein Missverständnis späterer Zeiten, wenn man die Maria wie eine Himmelskönigin in einen Goldbrokatmantel gehüllt hat. Maria blieb arm. Ihre Familie ist nicht aus dem einfachen Stand herausgekommen. Sie selbst war später schlichtes Gemeindeglied in der jungen ersten Gemeinde. Aber gerade das ist Gottes Art, das ist sein Geheimnis, dass er ihre Armut als Werkzeug gebraucht, um dadurch das Schicksal der Menschen zu wenden.
Das war Gottes Art bei der Berufung von David und von Samuel. Und das ist Gottes Art auch heute: Er ist nicht zuerst bei den Starken, den Fähigen, den Belastbaren zu finden, sondern allzu oft da, wo nach menschlichem Maßstab nichts zu erwarten ist.
Die Diakonisse Eva von Thiele-Winkler bewahrte einen Groschen auf, den sie immer wieder ihren Besuchern zeigte. Sie hatte ihn von einem kleinen Jungen bekommen, der unermüdlich Geld für die Waisenkinder ihrer Anstalt zusammenbrachte. So holte er zum Beispiel während einer Konferenz die Gäste vom Bahnhof ab, trug ihre Koffer und sammelte fleißig Trinkgeld. Das brachte er dann der Schwester des Waisenhauses. Auch betete der Junge viel für die anderen Kinder. Er war ein unscheinbares und zugleich ein ganz außergewöhnliches Kind. Er hatte eine Vorahnung, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Mit acht Jahren starb er, wie es in einem alten Bericht heißt, ganz in Frieden und mit einem Gebet auf den Lippen. Seine Geschichte aber wurde immer weitererzählt. Ganze Schulklassen wurden davon gepackt, und für viele Kinder und Jugendliche wurde das der Anstoß zu einer Glaubensentscheidung. Ein unscheinbares Kind zog so eine lange Segensspur hinter sich her.
Viele Beispielgeschichten gibt es, die alle bezeugen, wie oft Gott gerade durch unscheinbare Menschen handelt. Ich denke an einen Mann in Lima mit einem schlimmen Ausschlag im Gesicht. Er fiel mir bei einem Besuch der damaligen Partnergemeinde auf, weil er als älterer Mann im Gottesdienst mit großer Begeisterung die E-Gitarre spielte. Während der Woche besuchten wir verschiedene Gebetsversammlungen in den Häusern und Hütten. Schließlich kamen wir in ein sehr ärmliches Haus, voll von Menschen mit fröhlichen Gesichtern. Da begegnete ich wieder diesem Mann. Jede Woche stellte er seine vier Wände einen Abend lang zur Verfügung, damit alle sich zum Beten treffen konnten.
Ich muss an den Schulgottesdienst mit einer Hauptschule denken. Einige Schüler waren mit Lesungen beteiligt. Das klappte nicht alles, und manche waren etwas unbeholfen. Aber dann dachte ich: welch eine kostbare Stunde! Junge Leute, die sonst nie eine Kirche von innen sehen, lassen sich von dem erzählen, der Licht in das Dunkel unserer Welt bringt. Im Gemeindepraktikum während meines Studiums war ich in einer Bergarbeitersiedlung in Oberhausen. Beim Abschied sagte mir ein junger Azubi: "Du, ich wollte dir noch ein Bibelwort mit auf den Weg geben: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet." Dieser Zuspruch bedeutete mir genauso viel wie der Segen bei der Ordination.
Es ist ermutigend, auf Maria zu schauen. Sie hätte ja sagen können: Wer bin ich schon? Was kann ich denn überhaupt? Stattdessen sagt sie: Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast." Maria hat es verstanden: "Des Herrn Magd" - das ist ein Ehrentitel! Nicht wegen irgendwelcher menschlichen Vorzüge hat Gott sie auserwählt, auch nicht wegen ihrer Frömmigkeit oder Demut, sondern einzig, weil Gott das Niedrige, das Geringe liebt und groß macht. Luther sagt: "Der Allerhöchste kann nicht über sich sehen, kann auch nicht neben sich sehen, weil ihm niemand gleich ist. E r muss unter sich sehen, und je tiefer jemand unter ihm steht, desto besser sieht er ihn."
Strophe 2: Gott ist ein barmherziger Gott
Gottes Wesen ist Erbarmen. Er heilt die Welt mit Liebe. Seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. Damit unterscheidet er sich von uns Menschen. Die Machthaber dieser Welt sind oft erbarmungslos. Aber nicht nur sie: Wenn wir in uns hineinschauen, dann kann es vorkommen, dass wir erschrecken, wie knallhart wir sein können. Etwa im Urteil über andere Menschen. Oder in unserer vorgefertigten Meinung über Leute, die das Leben nicht so packen wie wir. Ich merke häufig, wie schwer es mir fällt, solche Menschen nicht gleich - zumindest innerlich - abzuweisen. Etwa Leute, die an die Tür kommen und irgendwas erbitten und erbetteln wollen. Jesus hat sich sicherlich nicht ausnutzen lassen. Aber er war barmherzig. Er hat nicht verurteilt, wo Liebe nötig war. Bis heute hält er seine Barmherzigkeit durch, von Geschlecht zu Geschlecht. Sonst säße keiner von uns hier. Jede und jeder von uns ist ein Zeugnis und Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. Unabhängig davon, ob wir das selbst so sehen können oder auch nicht.
Der alte Zacharias betet: "Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes begegnet uns der Aufgang aus der Höhe." Gott ist Liebe und Barmherzigkeit in Person. Keiner von uns kann sich seiner Liebe entziehen. Es sei denn, wir setzen auf unsere eigene Stärke und Größe und leben auf Kosten anderer. Dann bekommen wir zu hören, was die dritte Strophe sagt:
Strophe 3: Gott tritt für die Machtlosen ein.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Maria blickt von sich selbst weg auf das, was Gott in dieser Welt tut. Er stößt die Mächtigen vom Thron. Es war Weihnachten vor fast 20 Jahren, als einer der schlimmsten Despoten und Diktatoren Europas gestürzt wurde: was in Polen 10 Jahre gebraucht hatte, in Ungarn 10 Monate, in Deutschland 10 Wochen und in der Tschechei 10 Tage, das geschah in Rumänien in 10 Stunden: der mächtigste Mann des Landes wurde gestürzt. Was sich jahrzehntelang kein Mensch vorstellen konnte, das passierte jetzt im Handumdrehen. Plötzlich konnten all diejenigen aufatmen, die unter dem Ceaucescu-Regime gelitten hatten und teilweise brutal verfolgt worden waren. Kein Herrscher dieser Welt, ob gut oder böse, kann sich seiner scheinbar unbegrenzten Macht sicher sein, George W. Bush wäre vor Jahren fast an einer verschluckten Brezel erstickt. Vor zwei Wochen haben wir aus dem Adventslied gesungen: "Ihr Mächtigen auf Erden, nehmt diesen König an, wollt ihr beraten werden und gehen die rechte Bahn..."
Ein Mächtiger, der sich zum Guten hat bewegen lassen, war der Zöllner Zachäus. Sein Beispiel zeigt, dass Gott nicht ideologisch auf einer Seite steht. Gott hat auch die Reichen lieb, denn in seinen Augen können sie genau so versklavt sein wie die Armen. Die Herrschaft Gottes aber macht aus Sklaven jeder Art wieder Menschen. Wer seine Identität, sein Ansehen von der Anerkennung anderer abhängig macht, gibt seine Würde und seine Freiheit preis. Gott aber macht aus armen und reichen Sklaven wieder Menschen, die zum Leben befreit sind. Marias Lobgesang ist durchströmt von der Freude an diesem Gott und seinem Tun. Er endet mit der letzten Strophe, die zugleich an den Anfang führt:
Strophe 4: Gott erfüllt sein Versprechen.
Gott steht zu dem, was er am Anfang verheißen hat:
Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit. Gott bleibt sich selbst und seinem Volk treu. In diesem Ausspruch ist das ganze Alte Testament zusammengefasst. Ja, so ist es: jetzt erfüllt Gott sein Versprechen und handelt so, wie er "zu den Vätern geredet hat". In Marias Lied trifft die Hoffnung Israels mit der Hoffnung der Christen zusammen.
Fragen wir zum Schluss: Welchen Weg geht denn der, der die Mächtigen vom Thron stößt? Hat er denn die große Umwandlung gebracht? Sind nicht immer noch die am Ruder, die ihre Macht rücksichtslos ausüben und den Unterdrückten Gewalt antun? Warum wird ein 84-jähriger Despot nicht endlich abgerufen? Müssen wir nicht sagen, dass dies Lied des Mädchens Maria doch nur zu schön ist um wahr zu sein?
Wir wissen, welchen Weg der gegangen ist, der hier besungen wird. Er ist den Weg ans Kreuz gegangen. Er hat einen anderen Weg als den der brutalen Macht und Stärke gewählt, um ans Ziel zu kommen. Auf diesen Weg nimmt er seine Nachfolger mit. Wie keine andere Kirche auf der Welt wächst die christliche Gemeinde in China. Und das, obwohl ihr der Weg immer wieder verbaut und das Leben schwer gemacht wird. Die Kirche dort - und so manch andere auf der Erde - lebt davon, dass sie weiß: Unser Herr ist selbst in die Niedrigkeit gegangen, hat sich erniedrigt bis in den schmachvollen Tod, in die scheinbare Niederlage, um doch den Sieg zu holen.
Das ist sein Weg. Sein Geheimnis. Seine Art, das Leben für uns zu erstreiten. Maria ist voller Hoffnung, im doppelten Sinne. Sie weiß, dass der Retter aller Welt kommt. Noch weiß sie nicht, wie er der Menschheit die Rettung bringen wird. Den harten Weg hat sie noch vor sich. Aber sie wird ihn mitgehen. Martin Luther sagt: Maria hat nicht sich allein gesungen, sondern uns allen, dass wir ihr nachsingen sollen.
Amen.