Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt am 25.12.08 zu Lk.2,8-20, Thema: Weihnacht

Liebe Gemeinde am Weihnachtsabend,

warum nur liegt so ein Zauber über der Weihnacht? Warum ist sie so anders als alle anderen Nächte? Wo doch alles andere so bleibt, wie es immer ist: für die in der Heimat der Nieselregen oder Schneematsch und das dahinplätschernde Fernsehprogramm (eines der Dinge, die ich hier nicht vermisse), aber auch das Los der Armen, die Not und das Elend hier in unserer Stadt und in vielen Teilen der Welt. Warum ist Weihnachten dennoch anders? Ich glaube, es liegt an dem Geschehen der Heiligen Nacht. Es hat seinen Grund in der Geschichte, die wir gerade noch einmal gehört haben: in der Weihnachtsgeschichte. Sie ist die einzige Geschichte, die unsere Eltern noch auswendig hersagen konnten: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…" Jene Geschichte, die mit dem kaiserlichen Befehl in der Weltstadt Rom ihren Ausgang nimmt - ich weiß ja nicht, ob der Census damals jemals veröffentlicht worden ist… - und deren eigentliches Geschehen sich doch ganz woanders zuträgt: am äußersten Rand des römischen Imperiums, nahe einem unscheinbaren Städtchen, auf einem Acker irgendwo in Palästina. Sachlich und nüchtern beschreibt Lukas den Ausgangspunkt des Geschehens: "Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Schafe."

Nicht in der Schaltzentrale Rom setzt Gott mit seiner Mission an, auch nicht in deren Vorzimmern etwa im Palast des Herodes in Jerusalem oder beim Ortsvorsteher von Bethlehem, sondern draußen vor der Tür, auf dem Acker bei den Hirten. Damit übergeht er nicht nur die politische Oberklasse, sondern auch die religiöse. Denn der Berufsstand der Hirten galt gerade bei den Frommen als minderwertig. Die Leute, die mit dem Vieh zu tun hatten, waren unrein, sie hatten daher auch keinen Zutritt zum Tempel in Jerusalem. Jetzt aber kommt der, der keine Ausgrenzung kennt. Der, vor dem alle Menschen gleich sind, dessen Herz für die Randfiguren der Gesellschaft schlägt. Es bleibt ein Stachel im Fleisch des etablierten Christentums auf der ganzen Welt, dass Gott sich zuerst denen offenbart, die kein Dach über dem Kopf haben und denen die Anerkennung durch die Gesellschaft versagt bleibt. Gott macht uns gerade diese Hirten, diese Männer und Frauen zum Vorbild für das, was wir Glauben nennen.

Alle Jahre wieder haben Stern und Spiegel, Newsweek, Time und Focus zu Weihnachten ein Jesus-Portrait auf ihren Titelseiten. In mehr oder weniger tief schürfenden Artikeln fragen sie nach den wahren Jesus und erklären zumeist auch, warum es eine intellektuelle Zumutung sei, heute noch an ihn zu glauben. Oder steckt dahinter doch die Sehnsucht glauben zu können? Vor einiger Zeit war zu lesen: "Seit den achtziger Jahren erleben die Deutschen eine schleichende, aber folgenreiche Wende - die vom Nicht-mehr-glauben-Wollen zum Wieder-glauben-Wollen (aber oft nicht mehr können)" (DIE ZEIT 2004). Ich muss an die drei Weisen denken: Auch sie finden zum Kind in der Krippe, allerdings erst auf Umwegen. Es ist also Hoffnung da, auch für die Distanzierten, für die, die sich schwer tun mit dem Glauben.

Doch schauen wir jetzt auf die Hirten, die nicht lange fackeln und sich auf den Weg zum Stall machen. Wenn wir mit ihnen gehen, müssen wir auch da beginnen, wo es bei ihnen anfängt - bei Furcht und großer Freude.

Mit Furcht und großer Freude

"Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird." Wo Gott seinem Geschöpf, dem Menschen begegnet, da ist immer beides: Furcht und große Freude. "Wehe, mir, ich vergehe" schreit Jesaja der Prophet, als Gott ihn beruft: "Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen." Wer Gott begegnet, der begegnet zugleich seiner eigenen Unzulänglichkeit. Gott und Mensch - das passt nicht zusammen. Der große, heilige Gott trifft auf den sündhaften Menschen. Das ist im Neuen Testament nicht anders. Petrus fällt vor Jesus auf die Knie: "Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!" Immer wieder beginnt die Geschichte Gottes mit einzelnen Menschen damit, dass sie vor ihm auf die Knie fallen. Jede Erneuerungsbewegung begann damit, dass Menschen die Größe des lebendigen Gottes spürten und zugleich ihre eigene Fehlbarkeit. Ohne die quälende Frage nach dem gnädigen Gott hätte Martin Luther keine Reformation herbeigeführt. Ohne seine eigene Sündenerkenntnis wäre August-Hermann Francke nie zu jener Glaubensgewissheit durchgedrungen, die ihn zum engagierten Waisenhausgründer werden ließ. Es gibt einen Wellness- und Kuschelglauben, dem diese entscheidende Erfahrung abhanden gekommen ist: Gott ist heilig.

Und doch wäre die Furcht ein schlechter Lehrmeister für den Glauben. Hören wir auf das, was auf dem Feld bei den Hirten geschieht - der Engel bricht den Bann. Er löst die Spannung mit den befreienden Worten: "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude!" Ihr Hirten, jetzt ist nicht die Zeit des Erschreckens. Jetzt ist die Zeit des Heils. Für euch und alle Menschen. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Das ist die frohe Botschaft. Darin steckt alles, was Menschen zum Leben und Sterben brauchen.

Das älteste überlieferte Glaubensbekenntnis bestand aus nur zwei Worten: Kyrios Christos. Christus ist der Herr. Und doch war es von solcher Brisanz, dass Menschen für diese zwei Worte ihr Leben riskierte. Denn es gab ja noch jene anderen, die als kyrios und soter, als Herr und Heiland tituliert werden wollten: Die römischen Caesaren. Wenn Lukas seine Weihnachtsgeschichte mit Augustus beginnen lässt, dann stellt er damit Gottes Heilsgeschichte mitten in die Weltgeschichte. Dann lauert darin ein versteckter Angriff auf die Mächtigen der Welt, die sich nicht als Diener der Menschen verstehen, sondern als Vollstrecker göttlichen Willens feiern lassen, damals wie heute.

Und so ist ein Sehnen in der Welt nach einem, der wirklich zu ihrem Heil kommt. Der aber, so proklamiert der Engel auf dem Feld, ist nun erschienen: "Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit." Das Zeichen dieser Herrlichkeit ist die Krippe. In ihr liegt der Heiland der Welt. Vielleicht konnte Gott wirklich nur bei den Hirten, diesen schlichten und zugleich verwegenen Gesellen, die Bereitschaft finden, sich auf so etwas Verrücktes einzulassen! Auch heute, so scheint es, findet Gott die Bereitschaft, Außergewöhnliches zu wagen, nicht zuerst in der verfassten Kirche.

Mache dich auf - und finde!

Die Hirten machen sich auf: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Ich habe so manches Krippenspiel erlebt, wo das nicht ohne Diskussion abgeht. Hier sagen sie schlicht: Lasst uns nun gehen! Auch darin sind uns die Hirten ein Vorbild im Glauben. Sie bestärken sich gegenseitig in dem, was sie gesehen und gehört haben. Und noch etwas können wir von ihnen lernen: Zum Aufbruch in das Vertrauen, in das Abenteuer des Glaubens gehört ein willentlicher Entschluss: "Lasst uns nun gehen!" Der schlesische Mystiker Angelus Silesius bringt es sehr klar auf den Punkt: "Wird Christus tausendmal geboren und nicht in dir - bist du doch ewiglich verloren." Gott ist zur Welt gekommen, hinein in unsere Menschenwelt, lasst uns da nicht Zuschauer bleiben, sondern Beteiligte werden. Das Kind in der Krippe lädt uns ein zum Vertrauen. Es baut uns eine Brücke hin zu dem, den wir nicht sehen können und der dennoch mit weit ausgebreiteten Armen auf uns wartet.

Und die Geschichte sehen - welch eine schöne Umschreibung für die Menschwerdung Gottes. Gott wird anfassbar. Der Herr der Welt macht sich verletzlich in einem Säugling im Futtertrog. Diese Verletzlichkeit tragen wir alle mit, wenn wir uns auf den Mensch gewordenen Gott einlassen. Es bleibt uns nicht erspart, dass wir mitunter belächelt werden. Wer sich aufmacht, den Glauben zu finden, muss bereit sein, selbst hinzuschauen, so wie die Hirten sich aufgemacht haben, um zu sehen, wie es sich verhält. Muss selbst die Bibel zur Hand nehmen, mit eigenen Augen lesen, mit eigenen Ohren hören, selbst mit dem Herzen aufnehmen, was die Stimme aus diesem Wort mir sagen will.

Und sie kamen eilend und fanden beide… - nichts von behäbig daher schleichenden Gestalten. Wenn der König der Welt sich ankündet, dann darf es keinen Verzug geben. Das wissen die Hirten und so machen sie sich im gleichen Moment noch auf.

Mit welcher Erwartung mögen sie sich dem Stall und der Krippe genähert haben? Mit welchen Erwartungen wagen sich Menschen heute an den Glauben heran. Die Hirten sehen einen Säugling in der Futterrinne eines Stalls - nicht mehr und nicht weniger. Vom Heiligenschein um die Familie ist da noch nicht die Rede, er wird erst später auf entsprechenden Gemälden dazugemalt. Die himmlischen Heerscharen sind wieder verstummt, und der Stern von Bethlehem wird erst den drei Weisen leuchten. Ob Ochs und Esel wirklich mit von der Partie waren, ist fraglich. Was also ist zu sehen? Eigentlich nichts, außer einer ziemlich ärmlichen Familienszene in einem Herbergsstall. Was aber tun die Hirten? Wie reagieren sie? Machen sie enttäuscht einen Rückzieher, um weiter zu suchen?

Die erste Gemeinde - im Stall von Bethlehem

Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Die Hirten erzählen, was ihnen anvertraut wurde. Ich stelle mir vor, wie gut das Maria und Josef tat: aus dem Munde anderer Bestätigung und Vergewisserung zu bekommen. Bevor die Hirten auch anderswo die frohe Botschaft weitergeben, verbreiten sie sie erst einmal bei denen, die schon bei Jesus sind. Die erste Gemeinde trifft sich nicht erst nach Pfingsten, sondern schon hier im Stall von Bethlehem. Nicht studierte Pastoren legen das Wort Gottes aus, sondern Hirten vom Feld. Sie geben schlicht weiter, was ihnen der Bote Gottes anvertraut hat, und bringen damit einen unsichtbaren Glanz in die Hütte.

Weihnachten und die Rückkehr in den Alltag

Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. Die Weihnachtsgeschichte endet nicht im Stall und an der Krippe. Die Hirten tragen hinaus, was sie erlebt haben. Sie haben ein Lob auf den Lippen und können nicht schweigen von dem, was sie gehört und gesehen haben. Alle sollen es hören, dass der Retter der Welt erschienen ist. Ausgerechnet sie, die damals nicht berechtigt waren, als Zeugen auszusagen, gerade sie macht Gott zu den ersten Zeugen seiner Rettungstat. Maria ist die erste, die vom Zeugnis der Hirten bewegt wird.

Von der Krippe ans Kreuz

Aber muss nicht der Aufrichtigkeit halber gesagt werden, dass der Jubel sehr bald verstummt ist? Dass die Freudenrufe erstickt wurden von den Mördern des Herodes? Und kein Engel ist zu sehen, der dem Morden ein Ende macht, weder damals, noch heute. Das Rad der Weltgeschichte dreht sich weiter, und viele geraten in seine Speichen. Die Engel sind wieder im Himmel und die Hirten bei ihren Herden. Was hat sich seit jener Weihnacht geändert? Ja, die Geschichte nimmt ihren gewohnten Lauf, und alles scheint wie vorher.

Nur einer, nur Gott der Herr geht einen ungewohnten Gang inmitten einer mörderischen Weltgeschichte. Geht diesen Gang mit dem Kind von Bethlehem, das erwachsen wird. Das zum Mann wird, der auf einen Berg geht, um sein Programm in die Welt hineinzurufen, um Feindesliebe, Vergebungsbereitschaft und Gewaltlosigkeit zu verkünden. Der Kranke heilt und Sündern vergibt. Der schließlich auf einen anderen Berg muss, ein Kreuz auf dem Rücken schleppend. Er selbst gerät in die Speichen des Rades der Weltgeschichte. Und doch erfüllt sich gerade so, was die Engel den Hirten auf dem Feld verkünden: "Euch ist heute der Heiland geboren."

Es verwundert nicht, dass Lukas im letzten Satz seines Evangeliums noch einmal die gleichen Worte verwendet wie ganz zu Beginn in der Weihnachtsgeschichte. Da waren es die Hirten, aber nun sind es die Jünger, die Nachfolger Jesu, von denen es bei der Himmelfahrt Jesu heißt: Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott. Auch die Jünger hat bald der Alltag eingeholt. Sie mussten ihren Glauben verteidigen und hatten mit Anfechtungen zu kämpfen. Sie gerieten in Zweifel und Versuchungen und hatten manchmal auch Stress miteinander, denn schon die Urgemeinde lebte nicht ohne Spannungen. Aber ihre Freude konnte ihnen kein Mensch mehr nehmen. Auch unter Tränen hielten sie an der Freude fest. Es ist die Freude, die mit Weihnachten in die Welt gekommen ist und an der auch wir teilhaben dürfen. Es ist die Freude, die diese eine Nacht zum Tage werden ließ und die sich darum von allen anderen Nächten unterscheidet. Gott schenke uns diese Freude, die ihren Grund in der Gewissheit trägt: Christ, der Retter ist da! Amen.

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