Okr i. R. Gotthart Preiser, Haßfurt (bei Schweinfurt (Kreis Haßberge)), am 28.12.2008
Liebe Gemeinde!
Der Dichter Ernest Hemingway hat die Erzählung geschrieben "Der alte Mann und das Meer". Die Geschichte eines Menschen, der sich ein Leben lang geplagt hat. Als Fischer hat er mit seinem kleinen Boot dem großen und oft so stürmischen Meer manchen Fang abgerungen, immer gerade genug, um leben zu können. In seinem Herzen aber ist immer ein Traum: irgendwann werde er den großen Fang machen. Einen großen Fang, der ihn aus der Not des kärglichen Alltags befreien würde. Dieser Hoffnungstraum geht mit ihm, Jahr für Jahr. Und mit ihm ist er alt geworden.
Im heutigen Predigttext wird auch die Geschichte eines alten Mannes erzählt. Simeon heißt er und Lukas schreibt, er habe ein frommes, gläubiges und vom Heiligen Geist geleitetes Leben geführt. Auch in seinem Herzen ist ein Traum, der Jahr um Jahr mit ihm geht. Irgendwann hatte ihm eine innere Stimme gesagt: Du wirst so lange leben, bist du mit eigenen Augen sehen wirst, dass Gott der Menschheit wirklich den Retter schickt, den anzukündigen die Propheten nicht müde geworden sind. Und immer, wenn er dachte, das war sicher Einbildung, war diese innere Stimme wieder da: Warte, du wirst sehen. Und wenn ihm hundertmal Zweifel kommen, hält er es fest: Gott wird es tun.
Da sind also zwei alte Leute, die beide noch etwas Großes erleben wollen. Selbstverständlich ist das nicht, dass jemand im hohen Alter noch so große Erwartungen hat wie sie. Das Normale ist doch, dass alte Menschen lernen müssen, ihre Wünsche und Erwartungen zurück zu schrauben. Schon weil die körperlichen Kräfte nachlassen und man nicht mehr so kann wie man möchte.
Diese beiden Leute aber schauen nach vorn. Sie blicken nicht nur auf vergangene Jahrzehnte zurück, sondern voll Erwartung in die Zukunft. Der alte Fischer will noch den Fang seines Lebens machen, und Simeon wartet darauf, dass Gott den verheißenen Retter in die Welt schickt.
Und so fährt der alte Fischer Tag für Tag aufs offene Meer hinaus. Und der alte Simeon macht sich immer wieder auf und steigt die Stufen zum Tempelberg von Jerusalem empor. Voll innerer Erwartung, dass er hier dem Handeln Gottes begegnen werde. Und dann geschieht es eines Tages, dass Simeon dort im Tempel dem jungen Paar Maria und Josef begegnet. Sie bringen ihr Kind Jesus in das Gotteshaus wie es damals Sitte und in den Gesetzbüchern des Mose geboten war. Jeder erstgeborene Sohn sollte Gott besonders anvertraut werden. Und dabei war es üblich, dass die Eltern je nach Vermögen ein Schaf oder zwei Turteltauben oder zwei junge Täubchen opferten. Dieses Kind wird sich später selbst zum Opfer bringen, aber hier reiht es sich ein in das, was damals an Riten und gottesdienstlichen Gebräuchen üblich war.
Äußerlich unterscheidet sich das junge Paar mit dem Kind nicht von den anderen Eltern, die ihre erstgeborenen Söhne in den Tempel bringen. Aber als Simeon dieses junge Paar mit dem Kind sieht, weiß er: Das ist es, was Gott gemeint hat. Sein Lebenstraum geht in Erfüllung. Lukas sagt dazu, dass der Heilige Geist es war, der ihn an diesem Tag zum Tempel geführt hat, um diese seine Sternstunde zu erleben. Normalerweise ist ein alter Mensch durch seine Lebenserfahrung in seiner Lebenserwartung nüchtern und abgeklärt. Große Begeisterung kommt da kaum noch auf. Viele Parolen, die eine neue Zeit versprachen, sind längst vom Winde verweht. Irgendwie verhärtet man gegenüber großen Neuentwürfen. Erwarte nicht mehr allzu viel. Du hast dein Leben gehabt, irgendwann wird es still zu Ende gehen. Das ist nüchtern, realistisch. Es ist aber auch gefährlich.
Wer immer nur rückwärts blickt, sieht das Neue nicht, das auch auf ihn aus der Zukunft zukommt. Simeon ist dafür offen und begreift. Er hält das Kind in seinen Armen und fängt an, Gott zu preisen. Er ist überglücklich: Ich habe das Wunder geschaut. Jetzt kann ich beruhigt mein Leben abschließen. Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden dahinfahren, wie du es mir versprochen hast, denn meine Augen haben den von dir gesandten Heiland gesehen.
Wer die Geschichte vom alten Mann und dem Meer kennt, der weiß, dass auch sein Lebenstraum in Erfüllung geht. Eines Tages hat er tatsächlich einen riesigen Fisch an der Angel. Es gibt einen erbitterten Kampf. Im stundenlangen Ringen muss der Alte die letzten Kräfte aufbieten, aber dann werden die Zuckungen des Fisches schwächer - und schließlich ist der Fischer Sieger. Erschöpft, aber glücklich fährt er heimwärts. Doch seine Erfolgsgeschichte endet bitter. Der Fisch ist viel zu groß, um ihn ins Boot zu heben. So muss er ihn an der Leine hinter sich herziehen. Und da wird er unterwegs von zahllosen Haifischen angefressen und schließlich abgenagt. Der Fischer muss zusehen, wie seine Beute immer kleiner wird. Und als er schließlich in den Hafen einfährt, zieht er ein großes Gerippe hinter sich her. Sein Lebenstraum endet in einer furchtbaren Enttäuschung.
Liebe Gemeinde,
das sind zwei starke Bilder, die vor unseren Augen stehen. Das abgenagte Gerippe hinter dem Boot des alten Fischers und das lebendige Kind im Arm des alten Simeon. Der eine Lebenstraum war ausgerichtet auf ein großes Glück, auf einen sichtbaren Erfolg, der dem Leben einen Glanzpunkt aufsetzen sollte. Der andere Lebenstraum des Simeon bezieht sich auf das Handeln Gottes, das auf dieser Erde beginnt, im Kind Jesus als ein Zeichen anschaubar ist und über alles irdische Leben hinauswächst und sich einmal in einer anderen Welt in einem unvergänglichen Leben vollenden wird.
Ob wir auch einen Lebenstraum haben wie diese beiden alten Leute? Und welchem Traum wäre unserer näher? Gott sei Dank muss das kein unüberbrückbarer Gegensatz sein. Man kann mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen, sein Lebenswerk zu erfüllen suchen und dabei auch irdische Ziele haben. Und zugleich im Glauben auf Gott hoffen und sein Leben als Weg zum ewigen Ziel verstehen.
Wahrscheinlich geht es uns allerdings eher so, dass wir von Gott her für unser Leben nichts Außergewöhnliches mehr erwarten. Die großen Taten Gottes geschahen vor Jahrtausenden. Sie gründen unseren Glauben, aber nun lassen wir es damit auch gut sein. Große Glaubensbegeisterung käme uns vielleicht wie Schwärmerei vor. Ja, die alten überlieferten Wahrheiten sind verlässlich wie ein Schutzpanzer. Wir können unseren Glauben auf das beschränken, was frühere Generationen geglaubt und womit sie gelebt haben. Aber dieser Schutzpanzer der soliden biblischen Überlieferung kann auch wie ein Abwehrpanzer gegen den lebendigen Gott sein, der uns begegnen will. Es könnte doch sein, dass der Heilige Geist, wo und wann und wie er will, uns direkt und unmittelbar anrühren und das Feuer des Glaubens in uns neu entfachen möchte. Auf manches Herz ist der Schutt eines langen, mühsamen Lebens gefallen. Und genau da hindurch kann Gott uns anrühren wollen.
Und dann erscheint auch ein langes mühseliges Leben in einem ganz anderen Licht. Am Schluss stehen nicht das langsame Abnehmen des Verstandes und das langsame Versagen der körperlichen Kräfte. Es muss uns nicht so gehen wie dem alten Fischer auf dem Meer, dessen Traum zerrinnt, kaum dass er in Erfüllung gegangen ist. Gewiss kann es auch einmal so aussehen, dass man am Ende seines Lebens trotz aller Mühen und Anstrengungen vieles verloren hat und wie mit leeren Händen dasteht. Aber da ist das Kind, das Gott uns allen an Weihnachten geschenkt hat. Mitten im hektischen Getriebe der Tempelliturgie mit den Gesängen, Gebeten und Opfergaben schaut Simeon durch all den menschlichen Gottesdienstbetrieb hindurch und sieht das Neue, das Gottesgeschenk. Meine Augen haben deinen Heiland gesehen.
Und mit diesem Schauen bekommt sein Alter einen neuen Glanz. Natürlich bleibt, was das Älterwerden kennzeichnet, das Erleben, dass man vieles loslassen muss. Das Leben ermäßigt sich auf ein paar Wünsche an die Jüngeren. Habt mal ein paar Minuten wirklich Zeit für mich. Nicht nur für die Äußerlichkeiten, sondern für mich selbst. Und deshalb: Sprecht mit mir, wenigstens ein paar Minuten. Und geniert euch nicht, wenn ihr meinen alten Körper anfassen müsst, weil ich allein zu schwach bin. Es genügt ja, dass ich mich geniere, wenn andere mich anfassen müssen. Und ganz im Stillen gedacht, gar nicht laut gesagt: Bitte, wollt mich noch nicht los sein, auch wenn ich euch nicht mehr viel nützen kann. Ja, man muss lernen, sich bescheiden einzuschränken. Aber Simeon erlebt das Glück, dass er die letzte Strecke seines Lebens im inneren Frieden leben darf.
Im Frieden mit seinem Leben, im Frieden mit anderen Menschen und in Frieden mit Gott, der ihm das angekommene Heil gezeigt hat. Er ist ein Mensch, der nicht vor Gott und anderen Menschen darauf pocht, was er Großes geleistet hat, sondern der weiß, dass sein Leben nur von Gott selber gekrönt werden kann. Selig, wer weiß, dass er selbst geistlich arm ist - und voller Sehnsucht und Hunger nach Gerechtigkeit und Frieden.
Alte Menschen projizieren ihre Hoffnungen gern auf Kinder. Man möchte die Konfirmation des Enkels noch erleben, und dann die Hochzeit der Enkeltochter, und wenn es geht, doch noch die Geburt eines Urenkels. In den Kindern sieht man ein Stück Zukunft. Simeon geht da viel weiter. Er sieht in dem Kind eine ganz neue Zeit anbrechen. Eine Gotteszeit, eine Zeit, wo Gott nicht eine ferne Idee irgendwo über den Sternen ist, sondern mitten unter uns als Mensch wie wir. In diesem Kind wird das sichtbar und fassbar.
Simeon erkennt: Dieses Kind ist ein Zeichen Gottes aus der Ewigkeit. Die Welt wird sich äußerlich nicht sehr verändern. Es wird weiter viel Unrecht geben, Streit und Kriege und viel Krankheitsnot. Aber das Zeichen für das Neue ist schon da. Dieses Kind wird Krankheiten heilen, Schuld vergeben, Frieden stiften, Trauernde trösten und eine Tür zum Himmel öffnen. Und der Menschheit zeigen, wie jeder, der sich auf ihn einlässt, beim Lauf durch seine Erdenjahre Schritt für Schritt auf das ewige Leben zugehen kann. Mag die Weltgeschichte noch so blutig und schreckensvoll verlaufen - seit das Jesuskind geboren ist, wächst in aller Stille das kommende Reich Gottes. Alte und junge Menschen können daran Anteil haben und auf das große Ziel des ewigen Lebens unterwegs sein.
Das Jesuskind als Zeichen Gottes für dieses Kommen seines Reiches. Dabei wird es Widerspruch erfahren. "Ein Zeichen, dem widersprochen wird." Nicht nur das. Sondern so heftiger Widerstand, dass man ihm nach dem Leben trachten wird. Schon als kleines Kind. Bis die Feindschaft ihm eines Tages das Leben kosten wird. Wenn er eines Tages hilflos und dann leblos am Kreuz hängen wird, wird es so aussehen, als habe Gott und die Menschheit nicht mehr in Händen als der Fischer mit seinem Gerippe.
Das wird wie ein Schwerthieb in das Herz der Mutter sein.
Dieses Zeichen ist gesetzt zum Fall und Aufstehen, sagt Simeon. Ja, tatsächlich will Gott, dass sich an Jesus unser eigenes Schicksal entscheidet. Ob wir uns durch ihn für das ewige Leben retten lassen - oder ohne ihn in die ewige Gottesferne fallen. Ein Zeichen kann nichts verhindern. Wenn die Ampel rot zeigt, kann man trotzdem weiter fahren. Die Ampel muss es hinnehmen. Aber der, der das Zeichen missachtet, begibt sich in große Gefahr. Man kann auch ohne Jesus leben, aber den Weg zum ewigen Ziel bietet uns nur er.
Das Kind Jesus, ein Zeichen für uns zum Aufstehen für Alte und für Junge. Aufstehen aus allen Zweifeln und aller Müdigkeit im Glauben - und schließlich einmal aufstehen aus dem Grab unserer Vergänglichkeit in das Leben bei Gott.
Simeon wird noch einmal munter: Meine Augen haben leibhaftig gesehen, was seit vielen Generationen die Hoffnung der Völker war: Meine Augen haben den Heiland der Welt gesehen. Ein Licht zu erleuchten die Völker: Alle religiösen Gefühle, alles Tasten der Menschen nach etwas Gültigem hinter dem vordergründig Sichtbaren, alles Mühen in philosophischer Denkarbeit das tiefere Geheimnis des Seins zu ergründen: Hier ist die Lösung: Jesus, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es soll nicht jeder nach seiner Façon selig werden, nicht nach seiner eigenen zusammengestellten Religiosität, sondern im Glauben an diesen Mensch gewordenen Gott. Simeon hat es schon erkannt, ehe es ganz offenbar geworden ist. In dieser Vorausschau kann er Maria und Josef segnen. Ja, Gott ist in diesem Kind, ein Segen für die ganze Menschheit.
Amen.