Christus spricht: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben!"
Liebe Gemeinde,
in den letzten Stunden des zu Ende gehenden Jahres möchte ich noch einmal die Jahreslosung 2008 aufgreifen, ein Satz aus dem Johannesevangelium: Christus spricht: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" So manches Mal habe ich diese Verheißung zum Ende eines Menschenlebens aufgegriffen, als Zuspruch des Lebens am Ort des Todes, aber noch nie zum Ende eines Jahres.
Da stand also über diesem Jahr eine so großartige Verheißung, und doch verlief es ja nicht wesentlich anders als all die Jahre davor. Mit Krisen, Kriegen und Gewalt. Gewiss, es gab auch Zeichen der Hoffnung. Immerhin hat die große Finanzkrise bewirkt, dass alle merken, wie abhängig und zugleich aufeinander angewiesen die verschiedenen Staaten und Systeme sind. In Amerika kommt es zu einem hoffnungsvollen Neustart, Menschen aller Hautfarben setzen ihre Hoffnung auf den neuen Präsidenten. Der Wechsel ist möglich, das haben zumindest die Wähler gezeigt. In China hat bei aller berechtigten Kritik mit der Olympiade eine Öffnung nach außen begonnen, die kaum noch zurückzuschrauben ist.
Und doch endet dieses Jahr ausgerechnet mit Raketenfeuer im Heiligen Land, und wir werden damit daran erinnert, dass offenbar vieles beim Alten bleibt. Dass es für viele Christen auf der Erde kein gutes Jahr war, daran erinnert der Weihnachtsgruß von Joachim Schroedel, den ich draußen ans Schwarze Brett gehängt habe. Bei aller Sattheit und Sicherheit dürfen wir nicht ausblenden, dass viele Glaubensgeschwister in aller Welt in einem sehr großen Ausmaß ausgegrenzt und geradezu verfolgt werden.
"Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" das ist in alles Chaos hinein die Willenserklärung Gottes, der seinen Sohn in eben diese Welt gesandt hat. Dass Gott ein Freund und Anwalt des Lebens ist, daran lässt die Bibel keinen Zweifel. Auch daran nicht, dass er sich nicht von menschlicher Bosheit davon abbringen lässt, diesen unbedingten Willen zum Leben durchzuhalten. Dem Brudermörder Kain zeichnet er das Zeichen der Rettung auf die Stirn: Die Spirale der Gewalt soll nicht angekurbelt werden, das Karussell menschlicher Vergeltungslogik soll sich eben nicht - womöglich gar im Namen Gottes - immer weiterdrehen. Der Mörder darf leben.
Der verlorene Sohn darf heimkehren, er, der seinem Vater doch das Erbe abgeluchst und ihn damit eigentlich schon für tot erklärt hat. Der Alte war für ihn gestorben, bis er merkt, was er mit seinem Vaterhaus aufgegeben hat. Der junge Mann wird zum Bild für uns, die wir Gott eigentlich in unserm Alltag nicht mehr eingeplant haben und dann vielleicht doch ahnen, dass wir ihn zum Leben brauchen.
Ich möchte noch einmal auf den alten Simeon vom vergangenen Sonntag zurückkommen. Der hatte im Tempel viele Jahre auf den "Trost Israels" gewartet und war darüber alt geworden. Als er das Jesuskind auf den Armen hält, erfüllt sich seine Hoffnung.
(Bild: Rembrandt, Simeon mit dem Christuskind im Tempel, 1669)
Der Maler Rembrandt hat diesen Moment in unvergleichlicher Weise wiedergegeben. Als er müde und vom Leben gezeichnet 63jährig starb, stand dieses Bild unvollendet auf der Staffelei. Es ist sein letztes, sein Vermächtnis. Die Gestalt und das Gesicht des Alten mag von einem Alten der Amsterdamer jüdischen Gemeinde stammen. Dort, bei den Außenseitern und nicht im etablierten Christentum, hat Rembrandt sich in seinen letzten Jahren wohl gefühlt. Schauen wir auf das Licht: Es kommt von oben, und es bescheint auch die Alte, die hinter ihm steht. Die Greisin Hanna, die ebenfalls zu den merkwürdigen Gestalten am Rand gehört, die eine Sehnsucht und Hoffnung in sich tragen. Es heißt bei Lukas, dass auch sie Gott preist und den Menschen weitererzählt, was ihr in diesem Kind begegnet.
Simeon "trägt das Kind merkwürdig frei auf den Unterarmen, während die Hände weiter ausgreifen, um irgendetwas zu berühren, das jenseits des Kindes ist. Was haben seine Augen gesehen? Den Heiland? Offenbar sahen sie ihn in diesem Kind. Ergriffen haben ihn die Hände noch nicht…Das Licht kommt aus der Höhe, und es trifft die Stirn des Simeon, es erleuchtet ihn und seinen Geist, es gibt ihm die Erkenntnis: Dies ist der Erlöser auf den du wartest." (Jörg Zink)
Simeon-Rembrandt, das ist eine und dieselbe Gestalt. Er, der erst seinen Frau und dann den Sohn und die treue Hendriekje, seine Lebensgefährtin im Alter, verloren hat, sehnt sich nach Frieden. Er ist am Ende eines langen Weges angelangt. Jörg Zink beschreibt dieses Bild so: "Er ist am Ziel und ist es doch noch nicht. Das Licht ist zwar in diesem Kind erschienen, es leuchtet aber auch über ihm und ist von ihm unabhängig. Er steht noch nicht im Licht der Erlösung, wohl aber in der Hoffnung auf den, den er gesehen hat, als er auf diese Erde kam."
"Ich leben, und ihr sollt auch leben!" Ich muss bei dieser Darstellung des Simeon mit dem Kind an das denken, was uns vor Jahren ein Bischof aus Uganda erzählt hat. Bischof Shitemo, der Nachfolger des legendären Bischof Kivengere zurzeit des Idi Amin, erzählte uns, wie eine Mutter ihm irgendwo in der Zeit des Elends ihr Kind auf den Arm gelegt hat. Es war total geschwächt und im Begriff zu sterben, und Shitemo konnte nur immer wieder ein einziges Wort stammeln, es zum Himmel hin ausrufen: "Life…Life!" Das Kind hat überlebt, der Bischof wusste nur, dass Gott sein hilfloses Stammeln als Schrei nach Leben erhört hatte.
Wir sind hier in Afrika dem Leben in seinen Extremen ausgesetzt. Leben und Sterben liegen so dicht beieinander, immer wieder sterben auch junge Leute viel häufiger, als wir es von zuhause kennen. Aber gerade in dieser extremeren Welt machen Menschen die Erfahrung, dass Gott da ist. Oder überhaupt da, wo sie in Grenzsituationen geraten. Eine alte Frau aus Ostpreußen erzählte mir, wie sie im Krieg nicht ein noch aus wusste, eins ihrer Kinder war bereits an mangelnder Ernährung gestorben. Da sah sie Jesus vor sich, und ich muss dazu sagen, sie war in keiner Weise schwärmerisch veranlagt. Sie erzählte mir das so, wie sie auch ganz realistische andere Dinge erzählte.
(Bild weg)
"Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" Dieses Versprechen gab Jesus seinen Freunden beim Abschied. Er selbst war auf dem Weg aus dem Leben heraus in sein Leiden und Sterben, aber gerade da gab er diese Anweisung zum Leben weiter. Sie wird vielleicht vor allem von denen verstanden, denen das Leben nicht leicht fällt und die von ihm nicht verwöhnt werden. Es sind aber Worte an uns alle. Sie enthalten die Aufforderung, nach dem Leben zu fragen und zu suchen, das so genannt zu werden wirklich verdient. Und das selbst dann standhält, wenn alles andere weg bricht.
Wir sind eine Gemeinde und eine community von eher jüngeren als älteren Menschen. Das Bild der erwartungsvollen und erwartungsfrohen Alten, das uns vor Augen gemalt wurde, kann ein Ansporn sein. Dass wir im neuen Jahr gegen alle Müdigkeit und alle Widrigkeiten angehen und Neues erwarten, Neues auch von Ihm, der uns diese Verheißung mit auf den Weg gibt: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben!"
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.