Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt zu Lk.18,27, Jahreslosung 2009

"Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich."

Liebe Gemeinde,

die Schwelle zum Neuen Jahr haben wir längst überschritten, und so wird es für gute Wünsche höchste Zeit. Ich möchte unser erstes Beisammensein im neuen Jahr zum Anlass nehmen, dass wir gemeinsam auf die Jahreslosung hören. Sie will uns ein Begleiter sein, Zuspruch und Mutmacher für das vor uns liegende Jahr: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." Wir haben bereits die Geschichte gehört, in deren Zusammenhang dieser Satz zu finden ist.

Da ist auch einer, der es gut machen will. Gute Vorsätze hat er, und offenbar hat er sie nicht nur in den ersten Wochen eines neuen Jahres durchgehalten, sondern zur Grundorientierung für sein Leben genommen: "Das alles habe ich gehalten von Jugend auf" - wer von uns könnte ihm das so einfach nachsprechen? Entsprechend erwarten wir, dass auch Jesus sich beeindruckt zeigt. Doch der hakt nach. Offenbar gibt es etwas, was sein Gesprächspartner außen vor lässt. Etwas, das er bei aller Korrektheit und Gesetzestreue Gott dennoch vorenthält: "Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib´s den Armen."

Zugegeben, dies ist einer der provokativsten Sätze im Neuen Testament. Schnell wird immer hinzugefügt, dass Jesus ja eigentlich gar nichts gegen Reichtum hat. Dass eben dies nur die schwache Stelle des reichen Jünglings war. Mag sein. Jesus hat auch Leute wie Zachäus lieb. Das war der reiche Zollbeamte, der viel in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Doch komischerweise kapiert der sofort, was für ihn dran ist: "Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück." Wer Jesus begegnet, muss auf seinen Geldbeutel gut Acht haben. Wie steht es doch auf der Volxbibel: "Lesen kann radikale Nebenwirkungen haben." "Nichts ist unmöglich", so könnte man mit einem bekannten Slogan sagen. Nichts bleibt einem erspart, wenn man diesem Jesus begegnet, so könnten wir mit dem reichen Jüngling sagen. Jetzt soll ich auch noch über mein Geld nachdenken und darüber, wie ich damit umgehe! Irritiert und traurig wendet der junge Mann sich von Jesus ab, und verstört sind auch die engsten Begleiter Jesu: "Wer kann dann selig werden?" Und es klingt, als fügten sie hinzu: "Wir alle doch jedenfalls nicht." An dieser Stelle bricht Jesus den scheinbaren Widerspruch: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich."

Vorigen Montag hörten wir Auslandspfarrfamilien in unserer Austauschrunde in Togo gespannt dem Bericht unseres Kollegen aus Harare zu. Er hatte uns seinen Erfahrungsbericht nicht vorher zugemailt. Wir hörten viel über das Leben der Menschen in Zimbabwe unter den Bedingungen permanenter Lebensmittelknappheit. Kein fließendes Wasser, kein Strom, kaum ärztliche Versorgung, die Krankenhäuser längst dicht gemacht. Vor allem: brutales Vorgehen gegen alle, die noch die Kraft aufbringen zu widerstehen. Mein Kollege sagte: Die Menschen leben vom Glauben an Gott. Sie wissen: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." Was das im neuen Jahr für Zimbabwe heißt, weiß allein Er. Sie wissen: wir sind in Seiner Hand. Das ist kein Fatalismus, sondern ein eigener Weg, mit der Situation umzugehen. So viel an verborgener Hilfe ist geschehen, so viele mutige Menschen, die vielleicht sonst gar nicht mutig sind.

Auch in Äthiopien hoffen die Menschen ganz ähnlich auf Gott. In vieler Hinsicht haben sie mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Oft wünschen wir, es gäbe mehr Initiative und weniger sich Verlassen auf einen Gott. Das stimmt da, wo er ausrichten soll, was Menschen an Verantwortung abschieben. Gefährlich ein Glaube, der das eigene nötige Tun ersetzt: Er wird´s schon richten. Aber oft lassen die äußeren Umstände gar keinen Spielraum für eigenes Handeln. Wenn andere die Spielregeln für Handel und Zoll und den Weltmarkt bestimmen, dann hat auch die beste Eigeninitiative keine Chance.

Unsere Gemeinde hat ein großes Projekt, und das steht vor dem nächsten Schritt zur Veränderung. Wir wünschen uns, dass die Kinder der German Church School nicht länger schichtweise zum Unterricht müssen. Dazu brauchen wir mehr Platz. Dazu brauchen wir Land. Dazu braucht es eine Genehmigung, ganz abgesehen von den Finanzen. Manchmal scheint es mir auch hier so, dass ein Kamel leichter durchs Nadelöhr passt, als dass wir einen Schritt weiter kommen. Soviel weiß ich schon von hiesigen Behörden, dass man Entscheidungen gern anderen überlässt, leider nicht uns J. Ob das Wort Jesu uns hier hilft, dass wir nicht aufgeben? "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." Ich möchte damit rechnen, dass Gott im neuen Jahr eine Tür auftut. So wie er hoffentlich anderes verhindert, was unserer Schule schaden würde.

Aber auch für uns alle persönlich gilt, was Jesus hier sagt. Es mag Dinge geben, die wie eine undurchdringliche Wand vor uns stehen. Wir meinen, dass alles ohnehin keinen Zweck hat. Mit diesem oder jenem Menschen klarzukommen. Einen Kontakt wieder aufzunehmen. Noch einen Versuch zu starten, sich wieder näher zu kommen. Wenn wir auf uns selbst schauen, dann mag das stimmen. Aber was für uns unmöglich scheint, das ist bei Gott möglich. Vielleicht halten wir an Dingen fest, die wir loslassen müssen. An Werten, die es nicht wert sind. Der reiche Jüngling klammert sich an seinen Besitz. Martin Luther sagt: "Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott." Das klingt ebenfalls sehr radikal. Und ist es auch. Wenn ich nur meine Karriere im Auge habe, dann ist sie mein höchster Wert. Dann gibt es "keine anderen Götter neben ihr". Die Kollegen und die eigene Familie bekommen es zu spüren. Nichts gegen eine ordentliche Karriere, aber sie darf nicht zum Götzen werden.

Mit dem Sorgen ist es ähnlich. Die Sorge um das, was kommt, kann zermürben. Wir spielen wieder und wieder alle Möglichkeiten durch und kommen zu keiner Lösung. Ich weiß, es ist leichter gesagt als getan, aber wir sollen mit unserer Sorge zu Gott kommen: Herr, du hast den Durchblick. Ich muss ja nicht sofort auch den vollen Durchblick haben, aber gib mir ein Zeichen, eine Tür, die einen Spalt breit offen ist. So können wir mit Gott reden, so dürfen wir mit ihm rechnen.

Wie antwortet Gott? Wie macht er sich bemerkbar? Manchmal tut er es durch andere Menschen. Mitunter sogar dadurch, dass sie unbequem sind. Mich freundlich auf Unterlassenes hinweisen. Oder von ihren eigenen Erfahrungen mit Gottes Möglichkeiten erzählen. Ja, das kann durchaus hilfreich sein: dass wir einander mitteilen, wie und wo wir Gott selbst erlebt haben. Das müssen keine Wundergeschichten sein. Oft sind gerade die Geschichten, in denen kein Wunder geschieht, die wahren Wundergeschichten. Etwa die, wo Menschen wieder aufeinander zugehen.

Ich weiß nicht, ob ihr von Elias Chacour gehört habt. Er ist Palästinenser und Christ, melkitischer Priester in Ibillin, einem kleinen galiläischen Dorf.

Kurzfassung: Geschichte einer Versöhnung am Palmsonntag in einer Dorfkirche am Ende des Gottesdienstes. Statt den Schlusssegen zu sprechen, verriegelt der Priester die Kirchentür und fordert zur Versöhnung auf. Nach anfänglichem eisigem Schweigen gehen zunächst vier verfeindete Brüder aufeinander zu, fast die ganze Dorfgemeinschaft folgt ihrem Beispiel. Zerstrittene Menschen finden wieder zueinander, bitten gegenseitig um Vergebung und versöhnen sich.

(aus E.Chacour, Und dennoch sind wir Brüder, S.179-182 in Auszügen)

Was für den reichen Jüngling sein Besitz war, das ist für uns häufig unser Stolz. So wie bei den vier Brüdern in dem kleinen Dorf. Oder es ist unsere Zaghaftigkeit, wenn es um neue Schritte geht. Wobei wir alle den Schritt gewagt haben, hierher nach Äthiopien zu kommen. Doch große Schritte sind manchmal leichter als die kleinen, die auch notwendig sind. Der Schritt in ein anderes Land kann leichter sein als der zu meinem eigenen Kind. Rechnen wir damit, dass Gott im neuen Jahr unsere Wege kreuzt.

Und rechnen wir mit seinen Möglichkeiten. Als vor 20 Jahren plötzlich die Mauer in Berlin fiel, hatte niemand wirklich damit gerechnet. In den Tagen danach hat einer sich hingesetzt und ein Lied der Hoffnung verfasst, und dieses Lied wollen wir jetzt gemeinsam anstimmen:

395. Vertraut den neuen Wegen

Und der Friede Gottes….

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