Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Lk.8,4-8.11-15, 15.02.09

Textlesung

Liebe Gemeinde,

Ich bin absolut kein Fachmann in Sachen Landwirtschaft, und eigentlich sollte Bernhard Meier oder Hermann Kruse dies Gleichnis auslegen. Höchst laienhaft habe ich beim Hören auf dies Gleichnis immer das schöne Bild vom Sämann vor Augen, das Vincent van Gogh gemalt hat. Mit ausladendem Arm streut der Bauer den Samen über das Feld, frei von Nebengedanken über die mögliche Verschwendung seines Saatguts. Das trifft durchaus den Kern der Geschichte. Jesus hat seine palästinische Umwelt im Blick, wo die Bauern erst säen und dann erst den Acker pflügen. Der Boden ist oft so steinig, auch von Trampelpfaden durchtreten, dass er gar nicht Rücksicht auf all die Wachstum hemmenden Faktoren nehmen kann. Er sät und hofft darauf, dass Frucht entsteht.

Das Gleichnis wird oft als Geschichte von der Erfolglosigkeit der Predigt ausgelegt: "Der natürliche Erfolg der Predigt ist der Misserfolg", heißt es in einem viel zitierten Kommentar zu diesem Gleichnis. Doch so will es gar nicht verstanden werden. Auch will es nicht den Prediger rechtfertigen, nach dem Motto: "Wir predigen euch schon recht und lauter, aber ihr seid keine rechten Hörer" (M.Doerne). Schon gar nicht geht es darum, dass Gottes Wort nur von der Kanzel "gestreut" wird. Gesät wird es Gott sei Dank bei viel mehr Gelegenheiten des Alltags als nur in der Kirche.

Wo im Kindergarten oder jetzt gerade im Kindergottesdienst eine biblische Geschichte erzählt oder beim gute-Nacht-Sagen ein Gebet gesprochen wird, wo Menschen einander Gottes Segen wünschen, wo ein gutes Wort fällt, das andere Menschen aufbaut und tröstet, das einem anderen Menschen hilft, mit Gott und der Situation wieder klarzukommen, wo Gerechtigkeit angemahnt und Versöhnung gepredigt und gelebt wird, überall da wird gesät und Gottes Wort gestreut.

Die Hindernisse zu glauben bzw. am Glauben festzuhalten sind klar beschrieben, sie brauchen nicht alle wiederholt zu werden. Worauf es unterm Strich ankommt, ist die Verbindung von Same und Boden, sodass Wachstum und Frucht entstehen können. Dass wir Menschen im Alltag oft zu sehr - ich zitiere - "von den Dingen der Öffentlichkeit oder entsprechenden Geschäften in Anspruch genommen" sind, um auf die Stille und Gottes Weisung zu hören, das hat bereits vor 500 Jahren Ignatius von Loyola an seinen Zeitgenossen beobachtet. Er gilt als Erfinder der Exerzitien, geistlicher Übungen zum Hören auf Gott und sein Wort. Auf unserer Fortbildungswoche in Bagamoyo haben wir uns jeden Morgen eine Dreiviertelstunde des Hörens auf die Stille gegönnt. Sehr schlichte und grundlegende Texte haben uns geholfen, dass wir dabei nicht um uns selbst kreisten, sondern versucht haben, uns auf Gottes Stimme auszurichten. Exerzitien, also Exercise, das heißt Übung. Einüben ist nötig, um nicht vom Alltag und seinen Beschäftigungen überrollt zu werden. Ein amerikanischer Pastor erzählte, dass er mit einer winzig kleinen Übung, besser gesagt Geste, seinen Tag beginnt. Beim Aufstehen frühmorgens geht er als erstes kurz auf die Knie und dankt für den neuen Tag. Er nimmt ihn aus Gottes Hand. Wenn er den ganzen Tag nicht mehr dazu kommt, irgendeinen Text zu lesen oder ein Gebet zu sprechen, dann hat er doch eine - wenn auch winzig kleine - geistliche Übung getan.

Die Saatkörner, die auf dem Weg, dem Felsen oder unter den Dornen landen, stehen ja nicht unbedingt für bestimmte Menschen. Vielmehr beschreiben sie Situationen, denen wir allen schon begegnet sind. Da ist die plötzliche Begeisterung, die aber schon bald der Resignation weicht. Begründung: Weil keine Wurzel da ist. Keine Pflanze kann auf Dauer ohne Wurzel überleben. Auch unser Glaube braucht Verwurzelung, sonst gerät er zur Eintagsfliege, zur schnelllebigen Begeisterung ohne Erdung, ohne Bodenhaftung. Viele Begeisterungswellen kommen und gehen, was bleibt ist ein Glaube, der tiefer reicht. Der sich nicht von Stimmungen und Highlights tragen lässt, sondern auf Gottes Zusage fußt.

Zu den ersten Predigterfahrungen Jesu gehört die Niederlage. In seiner Heimatstadt Nazareth wird er der Sitte entsprechend aufgefordert, ein Wort aus der Schrift zu lesen. Es sind jene Worte aus dem Prophetenbuch Jesaja, wo es dann heißt: "Er hat mich gesandt, den Gefangenen zu predigen, dass sie frei sein sollen, den Blinden, dass sie sehend werden, den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen." Nach der Lesung macht Jesus eine Pause, und dann sagt er für seine Zuhörer ganz unvermutet: "Heute ist dies Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren." Und dann heißt es, dass sie sich über solche Worte der Gnade wundern, doch die Verwunderung schlägt sehr schnell in Ablehnung um und man erinnert sich: "Ist das nicht Josefs Sohn? Was maßt der sich an?" Merkwürdig: Die Botschaft der Befreiung, aus dem Munde des Befreiers gesprochen, fällt auf steinigen Acker. Sie bewirkt Entzweiung, und nur wenige begreifen, dass ihr Leben durch ihn einen neuen Anstoß bekommt, so wie der Außenseiter Zachäus, dessen Geschichte die Großen und Kleinen vorige Woche gemeinsam gehört haben.

Unter der Überschrift "Das Bilderbuch Gottes" hat der Hamburger Theologe Helmut Thielicke vor einem halben Jahrhundert sehr anschaulich über die Gleichnisse Jesu gepredigt. Zu unserem Gleichnis sagt er: "Es gibt asphaltierte Wege, und es gibt auch asphaltierte Herzen. Die sind glatt und sehen oft ganz repräsentativ aus. Im Verkehr mit den Menschen spielen sie eine große Rolle." Aber sie lassen Gottes Wort nicht wirklich an sich heran. Andere, so Thielicke, sind innerlich "angerührt" und "beeindruckt", sie reden vielleicht gar von "Bekehrung" oder zumindest von "innerer Erschütterung", aber eines Tages ist es dann wieder aus, die Begeisterung erloschen, alles war eine fromme Episode." Das Leben ist halt doch vielschichtiger, das Evangelium scheint zu schlicht.

Jesus legt die Hemmnisse, die Hindernisse und Gefahren des Glaubens aus, aber am Schluss steht dann die eigentliche Pointe. Nicht die Negativerfahrungen sind das entscheidende. Gegen alle Wehleidigkeit steht der hundertfältige Erfolg von Gottes Wort. Dass Gott wirkt und wie er wirkt - das ist das eigentliche Thema dieses Sonntags und des Gleichnisses vom vierfachen Acker. Am Ende ist das Erstaunliche und ganz und gar Gewisse der Erfolg der Aussaat. Die Zweifel, ob Gott denn zum Ziel kommt, wo sein Wort doch offensichtlich nicht überall Glauben findet, will Jesus zerstreuen: Schaut auf den Sämann, er sät überall hin, um zu Ernten, kann er gar nicht anders als das Saatgut großzügig zu verteilen.

Ja, dies Gleichnis ist in der Tat zugleich ein Bild für Gottes unvergleichliche Großzügigkeit. Die Ernte wird trotz normaler Verluste reich ausfallen.

Darum sollten wir auch nicht geizig sein, wenn es darum geht, uns gefallen zu lassen, was er bereit hält. Unsere Gottesdienste sollten so sein, dass wenn wir nicht kommen können, wir im das Gefühl haben. Oh, ich habe was verpasst. Mir ist was entgangen. Statt Erfüllung der Sonntagspflicht die fröhliche Erwartung, dass Gott uns begegnet und uns nach vorne bewegt. Dass ich was davon habe und etwas mitnehme für die nächsten Tage. Das ist nicht machbar, darum können wir aber Gott immer neu bitten und uns gemeinsam dafür stark machen, dass wir fröhliche Gottesdienste feiern.

Angebote der Glaubensvertiefung sind gewünscht worden, so kam es vom Wochenende des Kirchenvorstands rüber, und so haben sich auch andere schon geäußert. Ich möchte das gern aufnehmen. Einige machen ja mit bei "Sieben Wochen ohne", der Fastenaktion vor Ostern. Ich möchte einladen zu "Sieben Wochen mit" nach Ostern, einem siebenwöchigen Crashkurs, oder vornehmer ausgedrückt einem Seminar zu Grundfragen des christlichen Glaubens. Nicht abgehoben, sondern als eine Art KonFirmkurs für Erwachsene. Wer da mit vorbereiten und mitgestalten möchte, ist herzlich dazu eingeladen.

Donnerstag in einer Woche startet ein Angebot für junge Leute. Ein Jugendgottesdienst, den wir in Zukunft gern gemeinsam mit deutschsprachigen und äthiopischen Jugendlichen feiern wollen. "Bread of Life" ist das Thema, denn der Mensch, auch der junge, lebt nicht vom Brot allein.

In Bagamoyo bekamen am Schluss alle Teilnehmenden ein Losungsbüchlein überreicht. Gedacht als Grundration für den Tag, mit jeweils einem Satz aus dem Alten und aus dem Neuen Testament. Es gibt viele Wege und Weisen, wie Gott sein Wort unter uns Menschen streut.

Die schwäbische Bäuerin kommt aus der Kirche, der kleine Enkel fragt sie, was der Pfarrer gesagt hat. Die Oma: "Des woiß i nemme." Der Enkel: "Warum gehst du dann überhaupt in die Kirche?" Die Oma: "Woischt, des isch wia bei me Korb. Wenn m´r Wasser nei schüttet, lauft´s duch, aber d´r Korb wird sauber."

Recht hat sie, wir müssen nicht alles behalten. Aber dass wir uns dem Wort Gottes aussetzen, nicht nur in der Kirche, wird uns gut tun. Denn das Versprechen gilt: Sein Wort wird nicht leer zurückkommen.
Amen.

Martin Gossens

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