Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Mk.8,31-38, 22.2.09

Die Kosten der Nachfolge

Liebe Gemeinde!

In Anlehnung an die Lesung 1.Kor.13 zum Einstieg ein Zitat von
Lucian von Samosata: "Ihr Meister hat ihnen befohlen, sich zu lieben - und sie tun es auch!"

Woher kam die Motivation? Was war der Antrieb?

Textlesung Mk.8,31-38

JESUS SUCHT NACHFOLGER

Zuerst war ich entsetzt, not amused, als ich den Predigttext las: so viele junge Leute sind heute in der Kirche, so viele Gäste - da soll es eine gastfreundliche Predigt sein - und dann dieser Text! Gewiss, die Passionszeit beginnt, aber gerade so ein Text? Gern wäre ich ausgewichen auf das Hohelied der Liebe, das wir eben gehört haben. Über die Liebe lässt sich schön was sagen, nicht nur bei einer Trauung. Und überhaupt, Petrus ist der erste, der protestiert: "Herr, das geschehe dir bloß nicht!"

Doch dann sehe ihn wieder vor mir, unsern Jugendwart mit seinem kleinen Taschen-NT in der Hand, wie er über diesen Text predigt. Damals vor 35 Jahren. Merkwürdig, für mich war das spannend, aufregend, wachrüttelnd! Ohne seine ungeschminkte und provozierende Auslegung, das weiß ich, wäre ich heute nicht hier. Wäre ich nie auf die Idee gekommen, eines Tages Theologie zu studieren. Ohne ihn wäre ich nicht Dietrich Bonhoeffer begegnet und seinem Buch "Nachfolge". Eines der wenigen Bücher, die ein Autor mit seinem Leben autorisiert hat.

NACHFOLGE IST FREIWILLIG

Keine Bewunderer, sondern Nachfolger will Christus haben, sagt Kierkegaard. Aber Nachfolge ist freiwillig, oder sie ist keine Nachfolge. Wie misslich, wie falsch verstanden, Menschen zum christlichen Glauben zwingen zu wollen: "Wenn einer mir nachfolgen will…" heißt es hier wörtlich. Jesus stellt seine Jünger und alle, die ihm zuhören, in den Raum der Freiheit. In der Freiheit, nirgendwo sonst, kann der Glaube gedeihen, wenn er echt sein soll. Bonhoeffer schreibt seine Nachfolge.


DER TRAUM VOM LEIDFREIEN CHRISTSEIN

Harmoniebedürfnis ohne Leidensbereitschaft

Petrus ist unser aller Sprecher. Nachdem er unmittelbar vor dem Evangelium dieses Sonntags auf Jesu Frage hin, wer er sei, als einziger der Jünger das klare Bekenntnis abgelegt hatte mit den Worten "Du bist der Christus" (Markus 8, 29), also "Du bist der von Gott für die Heilszeit angekündigte und mit besonderer Kraft gesalbte König", fährt er gleich danach Jesus nach dessen erster Ankündigung seines Leidens, Sterbens und Auferstehens in die Parade, um ihn von diesem Weg abzubringen.

Jesus reagiert ungewöhnlich schroff, bedroht Petrus als einen, der Satans Werk betreibt und ruft ihm wörtlich zu: "Hinter mich!" Jesus ruft Petrus damit nachdrücklich zurück in die gehorsame Nachfolge, das heißt eine Jüngerschaft, die ihm vertraut, auch wenn sie die Wege Gottes erst einmal nicht versteht.

Der gut gemeinte Ratschlag des Petrus an seinen Herrn, sich den angekündigten Leidensweg aus dem Kopf zu schlagen und gegen einen frühen und gewaltsamen Tod aufzubegehren, ist menschlich mehr als verständlich. Muss das denn wirklich sein?

Wenn nämlich unser Herr sich selbst nicht schont, sehenden Auges in eine lebensbedrohende Gefahr ohne Schutzmaßnahmen geht, dann haben wir ja keinen mehr, der uns schützt, bei dem wir geborgen sind, dann werden wir mit ihm womöglich alle unsere religiösen Hoffnungen gleich mit begraben müssen. Ja, wir können Petrus nur zu gut verstehen, wenn er gegen so etwas anscheinend Sinnloses und Dramatisches aufbegehrt.

Aber wir sind aufgerufen, Jesus mehr als unserem Sprecher Petrus zu vertrauen. Das Vertrauen zu Jesus schließt mit ein zu glauben, dass es Gottes geheimnisvoller Plan war, mit seinem Sohn den Weg ans Kreuz zu gehen.

Weil dieser Weg und Plan bis heute auch das Begreifen der weisesten Theologen weit übersteigt, ist er deshalb nicht unsinnig. Wir sollten nicht denen folgen, die etwas, was sie nicht verstehen, sofort als nichtig und absurd erklären, vielmehr dem großen Theologen Paulus, der uns zuruft: "Wir sehen jetzt durch ein Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin" (1. Korinther 13, 12).

Wir sollten Petrus folgen, der sich nach Karfreitag, Ostern und Pfingsten zu einer neuen Sichtweise führen ließ und im Tempel zu Jerusalem rief:

"Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: dass sein Christus leiden sollte... Das ist der Stein, von euch Bauleuten verworfen, der zum Eckstein geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden" (Apostelgeschichte 3, 18; 4, 11f.).

Wäre Jesus den ursprünglichen Bedenken des Petrus gefolgt, wäre Gott mit seinem Weg nicht zum Ziel gekommen.


DAS KIRCHLICHE RINGEN UM DAS KREUZ

Das Ringen in der Kirche um die Bedeutung des Kreuzes hält bis heute an.

Ich muss an eine Kirche denken, die in den Sechziger Jahren gründlich restauriert wurde. Sie erhielt im Auftrag des Gemeindekirchenrates eine Plastik, die im Altarraum aufgestellt wurde und das Wirken des dreieinigen Gottes ins Bild setzt.

Im Zentrum dieser Säule sitzt die ausgemergelte Gestalt eines Mannes, für die der Künstler nach eigenen Angaben einen Insassen des KZ Buchenwald als Vorbild genommen hat. Was für ein mutiger Gemeindekirchenrat, der dieses Werk in Auftrag gegeben und genehmigt hat! Was für eine tapfere Kirchenleitung, die diesem Beschluss und ihrer Ausführung zustimmte!

Man kann sich jedoch den Aufschrei aus der Gemeinde nach Übergabe dieser Plastik an die Öffentlichkeit gut vorstellen. Manche Kirchenmitglieder von damals haben unter Protest die Kirche seither kaum wieder betreten, vor allem solche, die sie auch vorher nur selten betraten. Weg war die Kirche mit ihrer trauten, unanstößigen "Gemütlichkeit".

Zugegeben: Wer will schon immer, wenn er zur Kirche kommt, einen KZ-Häftling betrachten?

Aber zu erfahren und zu glauben, dass Gott in die größten Dunkelheiten und Ausweglosigkeiten menschlichen Daseins gekommen ist und noch immer kommt, ist der tiefste Sinn unseres Glaubens. Zu erfahren und zu glauben, dass Gott selbst eine so schreckliche Situation wie das fast aussichtslose Gefangensein durch eine brutale, menschenverachtende Diktatur mit uns teilt, das ist tiefer Trost! Zu erfahren und zu glauben, dass Gott die schreckliche Not meiner Schuld teilt und überwindet, bedeutet die Öffnung meines Kerkers!

NACHFOLGE IST LEBENSVERÄNDERND - DAS KREUZ DURCHKREUZT MEINE SELBSTBEZOGENHEIT

"Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach."

"Was Jesus von jedem erwartet, der zu ihm gehören will, ist die absolute Freiheit von sich selbst, wie sie jemand hat, der zum Sterben bereit ist und sich selbst ganz loslassen kann. Das kann nur geschehen, wo Jesus und das Evangelium, also die Verkündigung von ihm, so groß und wichtig werden, dass alles anderes verblasst" (Dieter Zinßer).

Durchkreuzt werden damit viele meiner Neigungen und Bestrebungen, etwa hinsichtlich Geld, Karriere, Gemütlichkeit, Leidensscheu und Angst vor Auseinandersetzungen.


NACHFOLGE IST GEFÄHRLICH

Heute lautet das Motto vieler Menschen: Verwirkliche dich selbst!
Aber: Der Liebende denkt nicht an die Liebe, sondern an den geliebten Menschen. Das Auge sieht sich selbst nicht. Das Ohr hört sich selbst nicht. Der Glaubende glaubt nicht an seine Glaubenskraft, sondern an den, dem er sich anvertraut.

Gudina Tumsa - Dietrich Bonhoeffer

Lass los: Du wirst erkennen, dass Gott dich nicht loslässt.
Gib hin: Du wirst erkennen, dass Hingabe die Kraft der Liebe ist.
Wer Gaben sucht, kommt zu kurz, wer den Geber sucht, gewinnt!

Wer darum besorgt ist, dass er nur ja nicht zu kurz kommt, verpasst das Leben; wer darum besorgt ist, dass Gott nicht zu kurz kommt, gewinnt das Leben! Darum zuletzt:

NACHFOLGE IST SPANNEND

Habe ich den gefunden, der das wahre Leben selber ist, der mir Anteil daran gibt, dann kann ich mich selbst ertragen, lerne andere zu ertragen, lerne auch zu ertragen, dass mein Leben belastet ist, lerne durch ihn, "mein Kreuz" zu tragen, die Herausforderungen und Lasten meines Lebens anzunehmen und sie nicht ständig zu bejammern.

Der christliche Arzt und Schriftsteller aus der Schweiz, Paul Tournier (1898 - 1986): "Die wichtigsten Tage in meinem Leben waren jene, wo ich durch bittere Phasen hindurchgeführt wurde."

Besser, dass wir täglich etwas mehr verbrennen, als dass wir verrosten (William Barclay)

Amen

Wesentliche Gedanken und im einzelnen nicht gekennzeichnete Abschnitte sind einer Predigt von Pfr. Albrecht Weber entnommen.

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