Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Lk.24,13-35, 12.04.09

Kurzpredigt im Tauf- und Familiengottesdienst am Ostersonntag

(voraus geht das Anspiel "Die Emmaus-Jünger" aus Peter Böhlemann: Simon und die schöne Anna)

Liebe Gemeinde,

In der katholischen Kirche meiner Heimatstadt hängt eine eindrucksvolle Ikone. Sie zeigt Christus als den, der mitgeht, als den "Mitgeher". Als Betrachter sieht man, wie er in einer freundschaftlichen und sehr menschlichen Geste seinen Arm auf die Schulter eines Freundes legt und ihn so auf seinem Glaubensweg begleitet. Ein starkes Bild für den auferstandenen Christus: Er ist einer, der mit uns mitgeht. Ein Begleiter, auf den Verlass ist. Welch ein schönes Bild für einen Ostergottesdienst! Und welch ein kräftiges Symbol für einen Tauf- und Segnungsgottesdienst, wo sich Eltern und Freunde und die Gemeinde als ganze auch auf den Weg des Mitgehens begeben, wo sie versprechen, die ihnen anvertrauten Kinder auf dem Weg des Glaubens zu begleiten!

Auch in der Geschichte von den beiden Emmausjüngern, die wir gerade gesehen haben und die Lukas uns in seinem Evangelium erzählt, taucht er auf, der Mitgeher. Ganz unauffällig gesellt er sich den beiden zu. Nach der Kreuzigung ihres Herrn hatten sie Jerusalem den Rücken gekehrt, enttäuscht und mit Kummer im Herzen sich auf den Heimweg in ihr Dorf begeben. Zurück in den Alltag. Zurück in die Zeit vor Jesus.

Da bewegen sich zwei auf die untergehende Sonne zu. Für die beiden geht nicht nur ein Tag zu Ende, sondern ein ganzer Lebensabschnitt. Abrupt, brutal ist zu Ende, was ihren Lebensinhalt bestimmt hat: Jesus, ihr Herr und Meister, wurde verurteilt und ist grausam hingerichtet worden. Das alles hatte sie überrollt, und nichts bekommen sie mehr auf die Reihe. Nun sind sie unterwegs, um den Ort hinter sich zu lassen, mit dem all das unfasslich Schlimme verbunden schien. Nichts hält die beiden mehr in Jerusalem. Von Gott enttäuscht lassen sie auch den Glauben hinter sich zurück.

1. Christus - der Mitgeher

In dieser Situation gesellt er sich zu ihnen. Sie merken nicht, mit wem sie es in Wahrheit zu tun haben. Sie halten ihn für einen "nullmerkigen" Zeitgenossen. Ja, hat er denn keine Ahnung? Erst später werden sie begreifen, dass er es war. Aber er ist da. Er ist schon da, obwohl sie es nicht merken. So ist das mit Gott. Er bindet sich nicht an unsere Erfahrung. Gott ist da, auch da, wo Vernunft oder Erfahrung gegen ihn sprechen. Auch wenn deine Erfahrung dagegen spricht, dann kann es sein: Er ist dir näher als du denkst!

Überlegen wir einmal: der der Herr der Welt ist, der den Tod besiegt hat und bald zur Rechten des Vaters sitzen wird, der nimmt sich die Zeit für zwei Menschen, die von Zweifeln geplagt werden und von Traurigkeit erfüllt sind. Diese beiden sind ihm so wichtig, dass er sich Zeit nimmt. Dass er sich ihnen zugesellt. Das ist seine Art. Er erscheint nicht den Mächtigen, den Hohepriestern und Statthaltern, um seinen Sieg und seinen Anspruch auf die Welt anzumelden. Er besucht den versprengten Haufen der elf verbliebenen Freunde und begegnet diesen beiden, die offenbar nicht mal zum engsten Kreis gehört haben. Seit Jahren steht es ja an unserer Kirchentür: dies ist ein offenes Haus für alle Menschen, egal ob gläubig oder unentschlossen.

Und nun machen die beiden doch eine Erfahrung. Wie wohltuend, da ist einer, der sie ausreden lässt. Der ihnen zuhört. Der mitgeht, wirklich mitgeht, innerlich und zugleich ganz praktisch. Er nimmt Anteil, er teilt ihre Fragen. Er nimmt sie ernst in ihrer Trauer. Das tut ihnen gut, das schafft Vertrauen. Am Ende bitten sie ihn in ihr Haus.

2. Christus öffnet uns die Schrift

Doch zuvor geschieht noch etwas auf dem Weg. Der Fremde belässt es nicht dabei, Verständnis und Teilnahme zu zeigen. Er mischt sich ein ins Gespräch und dann heißt es "Er öffnete ihnen die Augen und die Schrift". Man spürt, wie sie ihm an den Lippen hängen. Am Ende sagt einer der beiden erstaunt: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Der so fragt, hat verstanden: nicht wir finden von uns aus einen Zugang zu Gott, zu den Aussagen der Bibel. Diese Tür muss Er uns öffnen. Das kann nur Er tun. Er hat viele Wege und Möglichkeiten. Er kann es durch andere Menschen tun. Er kann sein Wort auch durch besondere Erlebnisse für einen Menschen öffnen.

Christus ist der Mitgeher - unsichtbar geht er bereits neben uns her.
Er öffnet den Zugang zur Heiligen Schrift - wir selbst können uns da noch so sehr anstrengen.

3. Christus begegnet uns im Mahl

Doch das Eigentliche geschieht erst beim gemeinsamen Mahl. In dem Moment, als Jesus das Brot bricht und das Dankgebet spricht, da plötzlich erkennen sie ihn. Mitten im Alltäglichen öffnet der Auferstandene seinen Gefährten die Augen. Plötzlich geht ihnen ein Osterlicht auf. Und das leuchtet ihnen einen anderen Weg. Sie fliehen nicht länger vor der Realität, denn sie haben jetzt eine neue entdeckt.

4. Christus führt uns in die Gemeinde

Kleopas und Micha kehren schnurstracks zurück nach Jerusalem. Die beiden wollen mit dem, was sie erlebt und erfahren haben, nicht allein bleiben. Sie suchen die Gemeinschaft der Gefährten. Und werden von den anderen mit dem Ostergruß empfangen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden. Das ist Gemeinde: die Gemeinschaft von Menschen, die ihm in allen Zweifeln begegnen. Die darin erleben: Er ist da und geht mit!

Die beiden Emmausjünger wissen von nun an: wo immer wir mal landen werden, was auch immer geschieht: er ist bei uns. Auch wenn wir ihn nicht sehen. Er begleitet uns. Auch wenn wir ihn nicht spüren. Er redet mit uns, er bricht mit uns das Brot. In der Gemeinschaft mit den anderen dürfen wir seine Auferstehung feiern. Die beiden Jünger kehren zurück mit brennendem Herzen und sehenden Augen und dem Vertrauen, dass der Auferstandene mitgeht. So gehen sie dem Sonnenaufgang entgegen. Er, der Mitgeher, ist bei ihnen. Er ist auch bei uns und geht mit. Er schenke uns das brennende Herz und öffne uns im Alltag die Augen für seine Gegenwart.
Amen.

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