Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Joh.20,19-29, 19.04.09

Quasimodogeniti

Liebe Gemeinde,

Das Kind kommt nach Hause, es hat einen Test in Reli versägt: "Mama, hat Gott mich noch lieb, auch wenn ich eine Fünf im Glauben habe?" Von einem, der im Glauben auf den ersten Blick nicht so gut abschneidet, erzählt unser Ostertext. Als "ungläubiger Thomas" ist er in die Geschichte eingegangen. Ich finde, das ist nicht fair. Denn immerhin wird hier ja eine Todesnachricht widerrufen, und das kommt nicht alle Tage vor. Dass ein Mensch darauf mit intellektueller Sorgfalt reagiert, das kann man sich doch nur wünschen.

In der Bibel hat Thomas eine andere Bezeichnung: Er ist der "Zwilling". Als solcher mag er das Bedürfnis gehabt haben, sich abzusetzen und mal bewusst eigene Wege zu gehen. Jedenfalls verpasst er den ersten Auftritt von Jesus bei seinen Jüngern. Er fehlt am Ostersonntag. Er kriegt nicht mit, wie Jesus seine Freunde segnet und sendet.

Als Thomas kurz drauf die aufgeregten Berichte anhört, bleibt er skeptisch: "Ich muss das selbst erleben, sonst kann ich es nicht glauben." Thomas hat Recht. Er will seinen Glauben entweder selbst finden oder gar nicht glauben. Er will nicht einfach schlucken, was die anderen ihm erzählen. Das finde ich gut. Er gehört zu denen, die mit Ostern und der Auferstehung ihre Probleme haben. Er stimmt nicht ein ins Halleluja, jedenfalls nicht sofort.

Zweifeln ist erlaubt

Das Wort Zweifel kommt von "zwei Falten" oder auch "zweifach". Im Lexikon steht: Ungewissheit bei zweifacher Möglichkeit. Zweifeln meint also: ich habe zwei Möglichkeiten zum Durchdenken, zum Abwägen und entscheide mich dann. Wer zweifelt, hat sich noch nicht festgelegt. Er ist nicht bei einer Sicht stehen geblieben. Wer zweifelt, ist in Bewegung. Was Jesus an Thomas mag ist, dass er es wirklich wissen will. Er will der Sache mit Gott und Ostern und der Auferstehung auf den Grund gehen.

Gründe, um an Gott zu zweifeln, gibt es ja eine ganze Menge. Da ist so vieles, was wir nicht auf die Reihe kriegen. Wenn wir uns umschauen, dann ist das, was wir sehen, mit der Vorstellung eines liebenden Gottes nur schwer zu vereinbaren. Natürlich ist der Mensch für vieles selbst verantwortlich, aber das Erdbeben Italien oder voriges Jahr in China hat kein Mensch bewirkt. Dass unendliches Leid über viele Menschen kam, lässt sich nicht theologisch erklären.

Vor Ostern haben wir in Reli einige Stunden über der sogenannten Theodizeefrage gebrütet. Das ist die Frage, wie Gott mit dem Leid in der Welt zusammen gedacht werden kann. Wie man den Glauben an einen Gott rechtfertigen kann, der zugleich gütig und allmächtig ist. Hat Gott nun die beste aller möglichen Welten geschaffen, wie das vor 300 Jahren Herr Leibniz postulierte, oder müssen wir mit Hans Jonas eben einfach Abschied vom allmächtigen Gott nehmen? Hans Jonas war ein jüdischer Philosoph im 20 Jahrhundert; er hat ein Buch über den Gottesbegriff nach Auschwitz geschrieben.

Wie passen zu dem allen die Geschichten von der Auferstehung Jesu und seinem Sieg über den Tod? Thomas jedenfalls hat seine Fragen, und erfährt dann: Jesus nimmt mich mit meinen Fragen und Zweifeln ernst. So, wie ich frage und so, wie ich bin. Jesus erscheint ihm nicht als wandelnder Vorwurf. So was gibt es ja auch: dass wir immer nur hören: "Wie konntest du nur!" Aber Jesus verhält sich anders. Sein Gruß an die Jünger gilt auch Thomas: "Friede sei mit euch!" Und dann lässt er sich sogar auf die Bedingung ein, die Thomas ihm gestellt hat: Er zeigt ihm seine Nägelmale, die Stellen, wo ihn die Soldaten ans Kreuz genagelt hatten: "Thomas, wenn du magst, dann prüfe nach, dass ich es wirklich bin - und dann glaube!"

Doch jetzt geschieht etwas Eigenartiges: Thomas fragt nicht mehr nach Beweisen. Überwältigt ruft er aus: "Mein Herr und mein Gott!" Die Wahrheit trifft ihn wie ein Blitz und bringt ihn auf die Knie.

Der größte Zweifler spricht das stärkste Bekenntnis

Was wohl in Thomas vor sich gegangen ist? Da muss etwas stärker gewesen sein als der sichtbare Beweis. Thomas braucht die Berührung gar nicht mehr. Nirgends wird erzählt, dass er seine Hand wirklich nach Jesus ausgestreckt hat. Was ist geschehen?

Thomas hatte Recht, wenn er gesagt hat: den Weg zum Glauben muss ich selbst finden. Aber jetzt merkt er: die Art und Weise, wie ich ihn gesucht habe, ist falsch. Stellt euch vor, ihr kämt nach Hause, würdet Bleistift und Papier vor eure Mutter hinlegen und sagen: "So, Mama, jetzt beweise mir mal logisch exakt, dass du mich lieb hast!" Ihr merkt, das wäre ein exakter Blödsinn. Eure Mutter würde euch wahrscheinlich am Arm nehmen und den Kopf schütteln, seufzen und sagen: "Komm, jetzt iss erst mal was, dann geht´s dir besser und übers Beweisen reden wir später!"

Stärker als jede logische Beweisführung ist die Liebe. Denn Liebe, die spürt man. Die kommt ohne mathematischen Beweis aus. Jesus sagt: Schalom, Friede sei mit euch! Schalom, das hat schon immer bedeutet: Glück, Gesundheit, Alles Gute, Friede und Zufriedenheit. Hier aber meint es noch mehr: Vergebung und ein neuer Anfang. Thomas spürt, dass Jesus ihm das nach allem, was vorgefallen war, schenken will. Er hat ihn wirklich lieb. Ihn ganz persönlich meint er.

Alle Ostergeschichten der Bibel erzählen von solchen persönlichen Begegnungen. Jesus erscheint nicht im Kaiserpalast in Rom, sondern er zeigt sich einzelnen Menschen. Er will nicht, dass ihm die Massen zujubeln. Und so erscheinen einzelne Gesichter gewissermaßen in Großaufnahme: Maria, die Mutter Jesu, Maria Magdalena, Petrus, Thomas, die Emmausjünger. Oder deins und meins und Ihres. Er wartet auf unsere ganz persönliche Antwort. Bei Thomas lautet sie "Mein Herr und mein Gott!"

Diese Worte, gestammelt vom größten Zweifler, sind das stärkste Bekenntnis im Neuen Testament. Deutlicher hat es keiner gesagt. In diesen Worten steckt alles drin. Drei Jahre war Thomas mit Jesus zusammen gewesen. Um einiges länger, als euer KonFirmKurs dauert. Bei ihm ist es so weit. Es hat geklickt. Er hat es begriffen.

So ein Moment ist nicht machbar. Ein Beispiel dazu: Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren bei einer Jugendfreizeit die ersten Versuche auf dem Surfbrett unternommen habe. Auf Jugendfreizeiten hatte ich grundsätzlich immer irgendwelche Augen-zu-und-durch-Erlebnisse, ein wenig nach dem Motto: Was nicht tötet, härtet ab. Auf der besagten Freizeit habe ich mich bei meinen ersten Surfversuchen ziemlich blöd angestellt. Mein Trost: ich war nicht der einzige, der zur allgemeinen Belustigung beitrug. Und einige Freizeiten später hatte ich es dann einigermaßen raus. Jemand hatte mir nämlich erklärt: "Der Wind ist dein Freund!" Nicht dass ich bis dahin immer selbst in das Segel gepustet hätte. Aber es war eben unheimlich viel Krampf dabei. Bis ich dann merkte: der Krampf ist nicht nötig. Ich muss das Segel nur richtig in den Wind halten. Der sorgt nämlich dafür, dass die Fahrt losgeht. Ich brauche eigentlich gar nichts tun. Ich muss nur dem Wind die Chance geben, mich voranzutreiben.

Genauso ist es mit dem Glauben. Ich muss nicht alles Mögliche leisten und tun. Ich muss nur Gott die Chance geben, dass er mich leiten und führen kann. Ich brauche nur loszulassen und darf gleichzeitig festhalten.

Loslassen, damit meine ich: die Vorstellung, das Leben aus eigener Kraft packen zu wollen. Auch die Vorstellung loslassen, dass nur das real ist, was ich bis ins Letzte nachvollziehen kann. An dieser Stelle setzt Jesus mit seiner kritischen Bemerkung an: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Das soll keine Aufforderung sein, den Verstand auszuschalten. Wenn Nachprüfen Unglaube wäre, dann würde mich das sehr ärgern. Aber es gibt eben verschiedene Methoden, eine Wahrheit nachzuprüfen.

Wenn ich aus 3 Metern Höhe eine Porzellantasse auf Steinplatten fallen lasse, dann habe ich damit nicht nur die Schwerkraft bewiesen, sondern vermutlich auch einen Materialtest durchgeführt.

Wenn aber der Kollege sagt: Du, von deiner Versetzung hatte ich keinen blassen Schimmer, dann kommt ein anderes Gesetz der Nachprüfung ins Spiel. Dann ist die Frage, ob ich ihm vertrauen kann.

Auch Vertrauen kann zerbrechen, aber Vertrauen kann auch sehr stark sein. Manchmal ist es so stark, dass wir es vielleicht gar nicht erklären können. Wir wissen einfach: Auf den, auf die kann ich mich verlassen. Das will Jesus sagen: unterhalb dieser Ebene des Vertrauens kommst du Gott nicht wirklich auf die Spur.

Festhalten darf ich mich an seinem Wort, das mir Orientierung gibt und mich ans Ziel bringt. Ihr Konfirmanden und Firmlinge werdet am 24. Mai ein solches Wort mit auf den Weg bekommen. Ein Wort, an dem ihr euch festhalten könnt. Ein Wort, das von nun an mit euch mitgeht.

Von Thomas wissen wir übrigens nicht viel. Es gibt Berichte außerhalb der Bibel, die sagen, dass Thomas als Apostel und Missionar bis nach Indien und vielleicht sogar bis Persien und China vorgedrungen ist. Keinem Menschen wollte er vorenthalten, was er selbst mit Jesus erlebt hatte. Was Ostern geschehen war, das musste doch der ganzen Welt Hoffnung geben! Wie Paulus hat Thomas offenbar nichts mehr gehalten. Es hat ihn zu den Menschen hingezogen. Lediglich in eine andere Himmelsrichtung. Voller Power, voller Kraft Gottes, gab er weiter, was er empfangen hatte.

Genau das spricht Jesus hier seinen Jüngern zu: Friede mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. In dieser Sendung steht die Kirche bis heute. Mit Kirche meine ich nicht Institution, die herrscht und gebietet, sondern begeisterte - eben vom Heiligen Geist berührte - Menschen, die sich senden lassen. Hin zu den anderen, um den Frieden weiterzugeben. Um für Gerechtigkeit zu streiten. Um Versöhnung zu leben. In Kleinarbeit, unter Mühen, und doch nicht müde werdend, weil Gott seinen Geist in die Segel bläst.

Und der Friede Gottes…

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