Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Joh.10,11-16.27f, 26.04.09

Sonntag Misericordias Domini

Liebe Gemeinde,

jedes Bild hat seine eigene Welt. Eine Welt, aus der es stammt, und die Welt, die es schafft. So auch das Bild vom guten Hirten. Man muss es nicht beschreiben, es ist uns vertraut. In der Heimat sind Schafherden seltener geworden, auf den Britischen Inseln ist das schon anders, hier in Äthiopien gehört es zum Alltag. Wenn es auch meist über asphaltierte Straßen galoppierende Herden sind, angetrieben von einem wild fuchtelnden Hirten, der sie durch den Autoverkehr manövriert und damit dem romantischen Bild des Schafhirten nur wenig entspricht.

Mit Romantik hat auch der 23.Psalm nichts zu tun. Auch nicht das Ich-bin-Wort aus dem Johannesevangelium. Ich bin der gute Hirte. Das war nie ein weiches Wort, es war von Anfang an auch ein polemischer, scharfer Satz, und wer diesen Satz im griechischen Urtext liest, kann das gar nicht überhören.

Ich bin es, nicht ein anderer.

Offenbar ist die Welt voller Hirten und Herren. Die Welt von gestern und die Welt von heute. Nicht alle meinen es gut. Manche sind zu erkennen, plump und dreist und aufdringlich, wie die Werbesprüche an der Wand. Das sind die Harmloseren.

Manche sind nicht zu erkennen, die sind gefährlicher. Und wer da sagt, ich bin mein eigener Herr, mag wohl zusehen, was für einen Hirten er hat an seinem eigenen unruhigen Herzen.

Ich bin der gute Hirte, heißt es in Johannes 10, nicht nur ein guter Hirte. Das meint: nur an einer Stelle und nur in einer Gestalt begegnet uns eindeutig Gott, der Herr, der gute Gedanken über uns hat, in Jesus Christus, dem Mann aus Nazareth.

Das ist freilich ein Satz des Glaubens. Aber ich meine, man könne das, was dieser Satz meint, erkennen, auch wenn man vorsichtig ist mit großen theologischen Worten.
Drei Stichworte will ich dafür nennen. Das erste heißt Geborgenheit.

Geborgenheit

Geborgenheit ist ein Urelement unseres Lebens. Ohne Geborgenheit gibt es kein rechtes Elternhaus und keine glückliche Beziehung. Wer von Geborgenheit nichts weiß, ist ein gefährdeter Mensch. Es fehlt ihm die Ahnung von dem, was Jesus volle Genüge nennt.

Geborgenheit beim guten Hirten, das ist nicht Sicherheit. Sicherheit kommt von außen, Geborgenheit von innen. Sicherheit hat mit Dingen zu tun, Geborgenheit geht von Du auf Du. Sicherheit braucht Mauern, Waffen, Rücklagen, Verträge, Geld, Gesundheit, Vorsicht. - Geborgenheit braucht "nur" Vertrauen. Sicherheit hat ständig die Angst bei sich. Geborgenheit hat Mut.

Es ist ein kühnes Wort, mit dem der 23.Psalm beginnt, jenes alte Lied vom Hirten, das dem König David zugeschrieben wird: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… Das ist ein Wort über Gegenwart und Zukunft, ein Wort über heute und morgen.

Und morgen? Wer hat das Morgen in der Hand? Keiner. Aber das ist Geborgenheit bei Gott, ganz und gelassen. Ich bin der gute Hirte, sagt Jesus, und kenne die Meinen und bin bekannt den Meinen. Wieder wird ein altes Wort lebendig, wir hören es oft als Zusage nach den Kyrie: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Beim Namen. Du bist nichts, dein Volk ist alles, stand über den Kasernen im Dritten Reich. Darin war alles schon beschlossen, das namenlose Grab in Russland und die Nummer des Sträflings im KZ. Wenn unser Leben bestimmt wird von Mächten, dann sind wir Objekt, Gegenstand, ein Stück, sonst nichts.

Wer das einmal erlebt hat, wer darüber erschrocken ist, der ahnt etwas davon, was es heißt, dass Gott uns in Jesu Namen begegnet, nicht in einer Idee, die uns treibt, nicht in einer Wahrheit, die ohne Erbarmen ist, sondern in Gestalt dessen, der die Seinen kennt und beim Namen ruft.

Misstrauen macht das Leben klein, Geborgenheit schenkt Weite und lässt uns atmen. Es ist eine der großen Herausforderungen unserer Tage, Geborgenheit zu schaffen, besonders für Jugendliche. "Zehn Prozent scheitern", konstatiert warnend der Bielefelder Jugendforscher Hurrelmann. Man fragt sich, wo die Not unter jungen Leuten größer ist, in Äthiopien oder bei uns daheim in den vielen Lebenswelten, wo Geborgenheit ein Fremdwort geworden ist.

Wie lassen sich in einer kalten Nach-Wohlstandsgesellschaft Räume der Geborgenheit schaffen? Ich denke an Sabine Ball, die kurz nach der Wende als fast 70-Jährige ihr behütetes Leben in Amerika drangegeben hat und in ihre Heimat nach Dresden zurückkehrte, um ein Zentrum für junge Leute aufzubauen, wo sie Orientierung und Geborgenheit finden.

Hingabe

Das zweite Stichwort ist Hingabe. Wer sich geborgen weiß, wird bereit zur Hingabe. Fünfmal steht hier im 10.Kapitel bei Johannes der Satz: Ich gebe mein Leben für die Schafe.

Auch der Mietling hütet die Schafe, das ist sein Job. Er hat seine Arbeit, er tut seine Pflicht - bis zu einem gewissen Grade. Es kommt aber der Augenblick, wo er sich überlegen wird, was ihm die Sache wert ist. Als Christen haben wir einen Hirten, der sich dran gibt.

Wir haben keinen Mietling, sondern einen Hirten über dieser Welt, und auch dort, wo wir sie nicht begreifen, macht das einen Unterschied.

Je mehr ich mich mit anderen Religionen befasse, umso wichtiger wird mir jeweils dieser Vergleichspunkt: Was ist das Wesen der Gottheit, wenn es sie als solche überhaupt gibt, im Buddhismus kommt ein persönlicher Gott zum Beispiel nicht vor. Was ist der jeweilige Religionsstifter bereit einzusetzen? Nur von einem weiß ich, dass er sein eigenes Leben hergegeben und nicht andere vorgeschickt hat, für seine Sache zu kämpfen und zu sterben. Wenn die nach seinem Namen Benannten später in Kreuzzüge und Konfessionskriege getrieben wurden, dann war das eine schreckliche Verdrehung dessen, was er gepredigt hat.

Good governance wünschen wir uns. Bei unseren eigenen Regierungen, besonders auch bei denen der afrikanischen Staaten. Dass der ANC in Südafrika die Zweidrittelmehrheit verfehlt hat, ist ein Ausdruck dieses Wunsches: Den Weg der Demokratie weitergehen, aber der Sucht zur Alleinherrschaft wehren. Das Bild vom guten Hirten ist ein Ausdruck von good governance: da ist einer, der nicht in die eigene Tasche wirtschaftet, sondern in anderer Weise seine Schäfchen ins Trockene bringt.
Mietling, d.h. Lohnarbeiter bin ich als Pastor auch. Also muss ich vorsichtig sein mit vollmundigen Verurteilungen. Aber das gibt es überall: Leute, die sich aus dem Staub machen, wenn´s brennt. Einer, der kein falscher Hirte sein wollte, kein Mietling, der seine Gemeinde im Stich lässt, war der Hunsrücker Pfarrer Paul Schneider. Johannes 10 wurde sein Leitwort, er stellte sich vor die Herde, auch vor die Mitgefangenen im KZ. Wenn immer Unrecht geschah, hörte man seine Stimme aus dem Zellenfenster über den Hof schallen. Bis sie verstummte unter den Schlägen der Aufseher, bis sie eines Tages im KZ Buchenwald ganz verstummte. Aber bis heute ist sie hörbar, er ist nicht vergessen als ein Hirte, der seine Herde nicht allein ließ. Einer, der in der Spur seines Herrn ging, den Weg der Nachfolge im wörtlichen Sinne, Jesus auf seinem Weg der Hingabe hinterher.

Offenheit

Geborgenheit, Hingabe - Offenheit, das ist das 3. Merkmal. "Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und es wird eine Herde und ein Hirte werden."

Hinter diesem Vers steht der Übergang der Christengemeinde aus der Enge der Jerusalemer Tradition in die Weite der Völker.

Das klingt harmlos und akademisch, aber es war eine entscheidende Stunde, und es hat in der Kirchengeschichte einschließlich der Reformation keinen Schritt mehr gegeben, der diesem ersten vergleichbar wäre. Denn es war der entscheidende Schritt aus der Abgeschlossenheit in die Weite. Merkwürdig und traurig zugleich ist, dass die Geschichte des Christentums trotzdem so häufig von einem rätselhaften Zug zum Ghetto, zum Abschließen, zur Enge begleitet war.

Wahrscheinlich werden wir von Gott eines Tages nach Vielem, was uns Sorge macht, nicht gefragt werden, wohl aber nach dem Menschen, den wir draußen gelassen haben. Danach, warum wir Türen verschlossen haben und ängstlich zusammen gegluckt sind.

Der Hirte schließt nicht zu. Er öffnet die Türen für alle. Gott schenke uns eine Ahnung davon, dass wir einen hirten haben, und er gebe uns den Mut, Türen aufzutun.

Amen.


Die Gliederung und einen Grossteil der Formulierungen dieser Predigt habe ich der großartigen Predigtsammlung des unvergessenen Reutlinger Dekans Theophil Askani entnommen.

Martin Gossens

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