Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Joh.15,5, 03.05.09

Liebe Gemeinde,

in einem kleinen Dorf irgendwo in Süddeutschland geschah es: Zur Zeit der Traubenernte kletterten die Konfirmanden immer in den Pastorengarten und stahlen dem Pfarrer die schönen Trauben. Das wurde dem armen Mann zuviel. Er stellte ein Warnschild in den Garten: "Gott sieht alles". Am nächsten Tag stand darunter geschrieben: "Aber er verrät uns nicht".

Reife Weintrauben sind etwas Verlockendes. Denken Sie, denkt ihr einfach mal an euer Lieblingsobst - es gibt kaum etwas Schöneres als eine reife Frucht. Darum taucht das Bild von der Frucht immer wieder auch in der Bibel auf. Wir alle sind darauf angelegt, dass unser Leben Frucht bringt. Wir sehnen uns danach, dass etwas dabei heraus kommt. Und nun sagt die Bibel, dass auch Gott sich danach sehnt, dass unser Leben gute Früchte trägt. Denn er selbst ist der, der alles so angelegt hat, dass unser Leben gedeihen kann. Jesus sagt: mein Vater ist der Weingärtner.

Gott - der Weingärtner

Gott ist der Weingärtner - er hat uns geschaffen, ihm verdanken wir unser Leben, er hat unser Leben so angelegt, dass es zur Entfaltung kommen soll. Wir haben eben in der Schriftlesung dieses Bild vom Weinstock und den Reben vor Augen gemalt bekommen, und ich möchte jetzt nur einen Satz herausgreifen und mit uns darüber nachdenken:

Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Gott ist der Weingärtner, der Winzer, der den Weinberg angelegt hat und sich auf eine reiche Ernte freut. Enttäuscht stimmt er beim Propheten Jesaja ein Klagelied an, weil sein Volk - geschaffen, ihm zu dienen und seine Liebe wiederzuspiegeln - nur schlechte Trauben bringt: Rechtsbruch statt Rechtsspruch, Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit. Der soziale Friede ist gebrochen, die Reichen werden immer reicher, die Schwachen nach Strich und Faden ausgebeutet. So hat der Weingärtner sich das nicht gedacht. Er beschließt, seinen Weinberg sich selbst zu überlassen. Das düstere Bild bei Jesaja weicht hier im Johannesevangelium der Freude über den verlässlichen Weinstock. Diesmal sorgt Gott selbst für Nachhaltigkeit: Er schickt seinen Sohn als Weinstock in die Welt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Jesus - der Weinstock

Das zweite ist: Jesus ist der Weinstock. Über Weinanbau weiß ich nicht viel. Ich war mal auf Korsika bei einem Bauern, der war aus Deutschland ausgewandert und hatte dort auf der rauen Macchia-Insel ein gutes Stück Land urbar gemacht. Er hat die größten Bäume gerodet und alles Gestrüpp beiseite geschafft. Nur vor einem alten Weinberg mit verwilderten Weinstöcken musste er kapitulieren. Denn so ein Weinstock reicht mit seinen Wurzeln bis zu 20 Meter weit.

Eigentlich schön, dass Jesus sich mit so einem Weinstock vergleicht. Das heißt doch, er hat feste Wurzeln und auf ihn ist absolut Verlass. Ich hab mal gelesen, dass der Weingärtner im Frühjahr den Stock so schneidet, dass nur der Stamm und zwei Seitenäste zurückbleiben. Der Weinstock sieht dann aus wie ein Kreuz. An den Schnittwunden bilden sich kleine Tropfen, die zur Erde fallen. "Der Weinstock blutet", sagt man. Und dann entfaltet sich auf einmal eine Pracht von Verästelungen - das sind die Reben. An diesen Reben wächst dann die eigentliche Frucht, eben die Weintrauben. Wenn das so stimmt, dann ist der Weinstock natürlich ein ganz besonderes Sinnbild für Jesus: Er hat ja am Kreuz für uns geblutet und schenkt uns so neues Leben. Ein Leben aus der Vergebung, ein Leben in der Versöhnung.

Wir - die Reben

Und wir sind nun die Reben. Eigentlich klingt das zunächst etwas enttäuschend. Denn die Reben sind ja nicht die Trauben, also die Frucht selber. Die Reben sind die kleinen Verästelungen zwischen dem Weinstock und den Trauben. Die Reben bringen die Frucht hervor. Ich finde daran zwei Dinge sehr bemerkenswert: erstens bedeutet das: als Gewächs des Christus, eben als Christ, als Christin lebe ich nicht für mich selbst. Die Rebe ist nicht für sich selbst da, sondern um Frucht zu bringen. Aber das ist eben eigentlich etwas sehr schönes. Wie viele Leute krampfen sich einen ab, um möglichst alles aus ihrem Leben rauszuholen. Sie haben Angst, nur ja nichts zu verpassen. Und wundern sich dann, wenn auf einmal gar kein Sinn da ist. Der Liedermacher Wolf Biermann hat die Sehnsucht nach mehr einmal so besungen:

Das kann doch nicht alles gewesen sein,
das bisschen Sonntag und Kinderschrein.
Das muss doch noch irgendwo hingehn.
Die Überstunden, das bisschen Kies.
Und abends inne Glotze: das Paradies.
Darin kann ich noch keinen Sinn sehn.
Das soll nun alles gewesen sein?
Da muss doch noch irgendwas kommen -
Nein, da muss noch Leben ins Leben.

Jesus zeigt uns den anderen Weg: Unser Leben kriegt Sinn und Inhalt, wenn wir uns als Rebe verstehen, die dazu da ist, dass sie Frucht bringt. Unser Leben weist so über uns selbst hinaus. Der Horizont wird weiter, offen hin zu anderen Menschen, hin auch zu den Nöten in der Welt.

Und nun das zweite Bemerkenswerte: Wir müssen die Frucht nicht produzieren. Sie kommt automatisch, wenn wir am Weinstock dran bleiben. Die Frucht wächst, wenn wir an Jesus bleiben. Wenn wir wirklich an ihm dran sind, dann bringt unser Leben Frucht. Wir müssen das nicht machen. Ich finde das sehr befreiend. Darum heißt es auch von den ersten Christen, dass sie "dran blieben": Mit einem Satz von Lukas haben wir uns am Beginn des KonFirmkurses befasst. In seiner Apostelgeschichte beschreibt er die erste Gemeinde mit diesen Worten: Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

Diese vier Dinge helfen auch euch, bei Jesus zu bleiben: Die drei G´s und das A: Gottes Wort, Gebet, Gemeinschaft - und das Abendmahl. Nicht als eine lästige Pflichtübung. Paulus sagt im Galaterbrief: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Und das heißt: Gott zwingt keinen. Aber er öffnet Türen.

Ich muss an ein Erlebnis im Altersheim denken, ein paar Jahre ist das her. Wir hatten eine kleine Gottesdienstfeier. Außer mir waren sechs ältere Damen anwesend, aber sieben ist in der Bibel ja immerhin die Vollzahl. Unser Gesang war entsprechend gewaltig, aber ich bin mir sicher, Gott freut sich über solch einen Gottesdienst genauso wie über den großen, den wir hier immer in der Kreuzkirche feiern dürfen. Gott stiert nicht auf die Zahlen, und wir müssen es auch nicht. Als ich mit meiner Predigt fast fertig war, kamen durch die stets geöffnete Tür - wir feierten immer unten in den Katakomben neben dem Heizungskeller - zwei Rollstuhlfahrer. Zwei, die bisher noch nicht da waren. Die eine, eine junge Frau, die schon öfter gekommen war, hatte den anderen mitgeschleppt. Meine Predigt fing noch mal ziemlich neu an und etwas anders, und am Schluss haben wir noch für die junge Frau gebetet, weil sie bald ins Krankenhaus musste. Gott schenkt offene Türen.

Eine langjährige Mitarbeiterin im Kindergottesdienst erzählte, dass sie nach bestimmt 10 Jahren ein Mädchen wieder traf, das ihr damals oft das Leben schwer gemacht hatte und völlig uninteressiert wirkte. Jetzt war dieses Mädchen selbst Mitarbeiterin in ihrer Gemeinde in einer anderen Stadt. Sie bedankte sich für die Geduld, die unsere Mitarbeiterin immer mit ihr hatte. Frucht, die wächst.

Das mit der Frucht ist aber nicht nur etwas Individuelles, Frucht soll auch im Raum der Gesellschaft wachsen und reifen. Christliche Werte und Privilegien werden zunehmend in Frage gestellt, etwa der Religionsunterricht oder die Theologischen Fakultäten an den Unis. Es weht ein schärferer Wind, es muss uns nicht um jeden Preis um den Erhalt von Privilegien gehen. Doch darf die Kirche selbstbewusst bleiben und an die Frucht des Glaubens in der Gesellschaft erinnern. Manchmal tun das auch andere. Der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht, Paul Kirchhof, hat jüngst in einem Vortrag über das Thema "Die Religion als Entstehungs- und Geltungsgrund der Verfassung" dargelegt, dass die christliche Tradition unabdingbare Voraussetzung unseres Grundgesetzes sei. Weil die Verfassung "die Früchte des Christentums" nutze - zum Beispiel bei der Entwicklung unserer Vorstellung von Menschenwürde - sei das Christentum konstitutiver Bestandteil unserer Verfassung - dies gelte bei aller weltanschaulichen Neutralität. (Artikel mit dem Titel "Die Verfassung nutzt die Früchte des Christentums", in: "Die Welt" vom 23. April 2009, zitiert nach A.Weber zum Predigttext)

Noch eine Bemerkung zum Schluss: in unserm vorigen Pfarrgarten wuchsen keine Weintrauben. Dafür aber Johannesbeeren en masse, meist waren wir im Urlaub, wenn sie reif wurden. Es gab fast immer dankbare Pflücker. Und plötzlich blühte nach 7 oder 8 Jahren zum ersten mal wieder der weiße Flieder. Eine Nachbarin hatte ihre Tannen gestutzt, sodass endlich wieder Licht an die Pflanze kam. Ich muss denken: So macht es auch der gute Weingärtner: er schneidet regelmäßig und kräftig. Nicht weil er gerne schneidet, sondern weil er sich eine reiche Ernte wünscht.. Wenn er unseren Charakter, unsere Wünsche, Pläne und manche unserer Gewohnheiten beschneidet, hat das seinen guten Grund. Was uns am vollen, saftigen Leben hindert, das muss weg. Gott sorgt dafür, dass wir nicht vertrocknen und verkümmern. Johannes will in seinem Evangelium keine Angst verbreiten, zu freudig entfaltet er das Bild vom rechten Weinstock. Aber es schwingt eben auch mit, dass man das Lebensziel verpassen kann: Das kann doch nicht alles gewesen sein…

Merken brauchen wir uns nur das eine: wir müssen nicht selbst für das Frucht bringen sorgen. Aber dafür sorgen, dass wir an Christus dran bleiben. Dabei hilft uns die Gemeinschaft miteinander in der Gemeinde. So manche von uns könnten Mutmachgeschichten aus ihrer eigenen Erfahrung erzählen. Dann Gottes Wort. Es ist der Wegweiser für unseren Alltag. Dann das Gebet. Gott hat immer ein offenes Ohr. Und schließlich das Brotbrechen. Gemeinsam essen in Gemeinschaft und miteinander Abendmahl feiern. Das tun wir zwar nicht heute, aber immer wieder regelmäßig, um Christus in unserer Mitte zu feiern.

Amen.

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