75 Jahre Barmen
Liebe Gemeinde!
Jemand fragte den vor hundert Jahren lebenden amerikanischen Evangelisten Dwight Moody: "Haben Sie die Erfüllung mit dem Heiligen Geist erlebt?" Er antwortete: Yes, but I leak" Ja, aber ich habe ein Leck. Er wollte sagen: das kann kein einmaliges Erlebnis sein. Den Heiligen Geist brauche ich immer von neuen. Immer neu muss ich mich füllen lassen.
Immer von neuem - und nicht nur am Pfingstfest - brauchen wir das auch, dass wir uns vor Augen halten: was tut der Heilige Geist? Wozu ist er da? Was sagt die Bibel über sein Wirken? Und wir brauchen es, dass unser leckgeschlagenes Glaubensleben erfüllt wird mit dem Heiligen Geist.
Johannes nimmt uns in seinem Evangelium in ein Abschiedsgespräch hinein. Die Kapitel 13-16, das sind die so genannten Abschiedsreden Jesu, wo er seine Jünger auf seinen Weggang vorbereitet. Damals wie heute ist es doch dasselbe: es gibt nichts schöneres, als zu wissen: Der Herr ist bei uns. Das hören wir in jeder Andacht. Das ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Doch hier überrascht Jesus mit genau dem Gegenteil: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Ich muss daran denken, dass es in der Tat gut sein kann, wenn Personen, von denen wir sehr geprägt sind und an denen wir sehr hängen, in den Hintergrund treten. Denn nur so lernen wir es, auf eigenen Füßen zu stehen. Aber das trifft nicht ganz das, was Jesus hier will. Er will seine Leute ja keineswegs allein lassen. Er kündet vielmehr das Kommen des Heiligen Geistes an. Drei Aufgaben, drei Funktionen wird der Heilige Geist haben.
1. Der Heilige Geist kommt als Tröster
Es ist schön zu sehen, wie Jesus mit der Verzagtheit seiner Jünger umgeht. Behutsam und herausfordernd zugleich greift er ihre ganze Unsicherheit und ihre Furcht auf. Immer wieder kommen in diesem Abschiedsgespräch Fragen und Einwände, und sie alle haben eine Botschaft: Herr, lass uns jetzt nicht allein! Man muss die Situation der Jünger schon in ihrer Einmaligkeit stehen lassen; und doch spiegelt sich manches heute wider. Eine verzagte Kirche spürt, wie bisher selbstverständliche Sicherheiten und Privilegien weg brechen. Sie ist auf dem Weg in eine Minderheitensituation. Längst ist dem Mitgliederschwund ein Verlust an Glaubenssubstanz vorausgegangen. Menschen, die sich noch treu zum Gottesdienst einer Kirchengemeinde halten, werden zur Ausnahme. Andere Trendsetter haben längst die Regie übernommen. Umso wichtiger, dass Jesus den Heiligen Geist als Tröster verheißt. So heißt er bei Luther. In anderen Übersetzungen steht: Beistand, Stellvertreter, Verbündeter, Anwalt, Sachwalter oder Fürsprecher und Helfer. Also einer, der uns an die Seite gestellt ist, mit allen göttlichen Vollmachten ausgestattet! Wenn das nichts ist!
Diesen Heiligen Geist brauchen wir. Ohne ihn sind wir uns selbst ausgeliefert und müssen aus eigener Kraft und Weisheit unser Leben gestalten. Mit dem Heiligen Geist stehen uns alle Kraftreserven zur Verfügung, die Gott bereitstellt. Für unser eigenes Leben, für unsere Kirche, für unser Leben und Engagement in dieser Gesellschaft.
Im Blick auf die Zukunft unserer Kirche heißt das: ohne den Heiligen Geist können wir nur den Untergang verwalten, mit ihm dürfen wir den Übergang gestalten.
Ein Kollege erzählte begeistert von einem Besuch in England. Er war dort einer Kirchengemeinde begegnet, die ungewöhnliche Wege einschlägt, um die Menschen an den Rändern der Gemeinde zu erreichen. Mit einer "Kirche im Anhänger", also mit einem kleinen Altartisch, mit Kerzen, Liederbüchern und ein paar weiteren Utensilien fahren sie sonntags zu einen Raum in einer Schule oder einer Turnhalle, um die Menschen dorthin zum "Gottesdienst vor Ort" einzuladen. Gleichzeitig bleibt die Verbindung zur "Mutter"gemeinde, die hierfür einige Mitarbeiter freistellt. Das ist nur eine von vielen Ideen, mit denen die anglikanische Kirche dem Trend originell gegensteuert. "Fresh Expressions" - so lautet denn auch eine Initiative, um auf unterschiedlichste Weise Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen.
Die große Finanzkrise nimmt den Menschen überall auf der Welt den Lebensmut. Auch in diese Verzagtheit hinein gilt die Zusage Jesu: Ich bin bei euch. Der Heilige Geist ist der große Mutmacher und Garant dafür, dass nichts am Herrn der Welt vorbei geschehen wird. Aber er tröstet und stärkt nicht nur, er ist auch unbequem:
2. Der Heilige Geist deckt Unrecht auf
Er ist die kritische Instanz, die der Welt den Spiegel vorhält. "Wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht". Über diesen Satz rätseln die Ausleger. Es gibt zwei Möglichkeiten, ihn zu verstehen. Ich sage: mir gefallen beide. Jeder höre jetzt für sich das, was gerade dran ist. Die erste Auslegung sieht eine ganz große Nähe zur Rechtfertigungslehre des Paulus: nur Gottes Geist kann uns die Augen öffnen für das, was das Evangelium im Kern sagt: wir sind verlorene Sünder, Christus aber spricht uns gerecht, das Gericht kann uns nichts mehr anhaben. Denken wir an Luthers Erklärung, die wir eben als Bekenntnis gesprochen haben. Dann sind diese Verse in sich eine Art Katechismus, ein Mini-Glaubenskurs in drei Sätzen. Aber manchmal sind wir zu schnell bei der Rechtfertigung, wenn wir in der Bibel das Wort Gerechtigkeit lesen. Mag sein, wir sollen es ganz wörtlich nehmen und auf unser Handeln beziehen. Dann steht das Unrecht aufdeckende Wirken des Heiligen Geistes im Vordergrund. Und das kann auch für uns Christen sehr unbequem sein.
Bei einer Reise Johannes Paul des Zweiten in Peru trat bei einer Großveranstaltung ein Indianerhäuptling auf das Oberhaupt der katholischen Kirche zu. Er gab ihm die Bibel zurück, die die Kirche den Indianern vor 400 Jahren gebracht hatte. Er sagte dazu. "Meine indianischen Brüder werden von schlechten Christen oft ausgebeutet. Wir sind seit jeher Opfer der Erniedrigung und des Rassismus. Wie Christus über alle Menschen richten wird, werden die Armen einmal über die Reichen richten. Ich gebe die Bibel zurück. Sie hat uns während Jahrhunderten weder Liebe noch Frieden noch Gerechtigkeit gebracht. Der Papst soll sie zurücknehmen und unseren Unterdrückern aushändigen. Denn ihre Herzen und Hirne brauchen die biblische Lehre am meisten."
Gottes Geist wirkt Gerechtigkeit. Und er ist der Geist der Wahrheit.
3. Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit
"O komm, du Geist der Wahrheit" - so singen wir an Pfingsten. Der Geist, sagt Jesus, wird euch in alle Wahrheit leiten. Als der Christ William Wilberforce die Abschaffung der Sklaverei forderte, hatte ihn der Geist Gottes dahin geführt. Onesimus, der entlaufene Sklave aus dem Philemonbrief, war der zaghafte Anfang, die revolutionäre Sprengkraft des Evangeliums im Alltag gegen alle gesellschaftlichen Gepflogenheiten umzusetzen.
Was ist da vor genau 75 Jahren in Barmen geschehen? Synodale aus lutherischen, reformierten und unierten Kirchen und Gemeinden fanden sich zusammen, um sich mit einem gemeinsamen Bekenntnis gegen die ideologische und organisatorische ‚Gleichschaltung' der Kirche im nationalsozialistischen Staat zu wehren.
"In Hitler ist die Zeit erfüllt für das deutsche Volk. Denn durch Hitler ist Christus, Gott der Helfer und Erlöser, unter uns mächtig geworden" Betört von der nationalsozialistischen Propaganda beschrieben die evangelischen "Deutschen Christen" im März 1934 den "Führer" als Heiland. Zwei Monate später, vom 29. bis 31. Mai vor 75 Jahren, formierte sich in Wuppertal-Barmen der Widerstand der Bekennenden Kirche. Unter der Bedrohung durch den NS-Ungeist in der Kirche einigten sich erstmals seit der Reformation Vertreter der Lutheraner, Reformierten und Unierten auf eine gemeinsame theologische Erklärung.
Kaum ein Dokument hat die Geschichte der evangelischen Kirche in Deutschland nach 1945 so geprägt wie die Barmer Theologische Erklärung. Das zentrale Papier des Kirchenkampfes wurde weltweit zum Vorbild für christliche Befreiungsbewegungen in repressiven Staaten.
Angela Merkel erklärte jüngst, dass die Barmer Theologische Erklärung auch für die Politik ein wichtiger Wegweiser zur klaren Unterscheidung zwischen dem Auftrag der Kirche und den Aufgaben des Staates bleibe. Eine der Kernbotschaften der Erklärung sei es, dass ein demokratischer Staat keine Gesellschaftsbereiche für seine Zwecke vereinnahmen dürfe.
Die Nationalsozialisten stießen nach der Machtübernahme auch in breiten Kreisen der evangelischen Kirche auf Zustimmung. Mit Hitlers Unterstützung gewann die Vereinigung der "Deutschen Christen" im Sommer 1933 die Mehrheit in den meisten Kirchengremien. Zu ihren Forderungen gehörten die Verkündigung einer "heldischen Jesus-Gestalt als Grundlage eines artgemäßen Christentums", die Abschaffung des Alten Testaments der Bibel, den Ausschluss von "Nichtariern" aus der Kirche, den "Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen" und ein Treueeid der Pfarrer auf Adolf Hitler.
Gegen diesen Trend bildeten sich bis Ende 1933 in allen Landeskirchen "Bekenntnisgemeinden" und regionale "Bekenntnissynoden". Zur ersten reichsweiten "Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche" trafen sich in Wuppertal-Barmen 139 Synodale aus 18 Landeskirchen. Nach hartem Ringen verabschiedeten sie heute vor 75 Jahren einstimmig die Barmer Theologische Erklärung.
Sie besteht aus sechs prägnant formulierten Thesen, von denen die erste These in Abwehr der NS-Ideologie festhält: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben."
Gegen die "Deutschen Christen" heißt es in These drei: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen." Und der NS-Staat wird in These fünf in Grenzen gewiesen: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen."
In einer Erklärung zur Rechtslage zog die Bekenntnissynode in Barmen die Schlussfolgerung, dass das nazifreundliche Reichskirchenregiment die Grundlage des Evangeliums verlassen und dadurch seinen Anspruch verwirkt habe. Damit war die Spaltung vollzogen. Die Formierung der Bekennenden Kirche in Wuppertal-Barmen gilt zugleich als ihr Höhepunkt. Ab 1935 trieb die Bekennende Kirche in eher kooperationsbereite und radikal oppositionelle Flügel auseinander.
Die Barmer Theologischen Erklärung hat aber auch ihre Grenze: die schon 1934 einsetzende Diskriminierung der Juden in Deutschland wurde nicht erwähnt. "Aus heutiger Sicht wäre sehr zu wünschen, dass das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes sich damit verbunden hätte, dass dieser Jesus Jude war", sagt Wolfgang Huber. Zugleich würdigt er an Barmen, dass in den Thesen kein Bereich des Lebens einer Eigengesetzlichkeit überlassen bleibt. Das ist die stärkste Provokation des Barmer Bekenntnisses. Aus der "frohen Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt" wird ein "freier, dankbarer Dienst an Gottes Geschöpfen".
Der Heilige Geist führt in alle Wahrheit. Am konkreten Verhalten macht er sich bemerkbar. Nichts dämpft ihn mehr als der Widerspruch zwischen Worten und Taten im Leben eines Christenmenschen. Zugegeben, das Leck bleibt. Moody hat recht: "Yes, but I leak". Darum dürfen wir nicht nur für die Kirche und für die Welt, sondern auch für unser kleines Leben mit den alten Gebetsworten bitten: Veni, Creator Spiritus: Komm, Schöpfer Geist! Komm, und schaff ein neues auch in uns, auch in mir.
Amen.