Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Joh.6,1-15, 21.06.09

"Das Brot des Lebens teilen" - Gottesdienst zur Verabschiedung

Liebe Gemeinde, liebe Kinder!

Noch einmal feiern wir heute miteinander Gottesdienst: jung und alt, katholisch, evangelisch und evangelisch-freikirchlich. Gemeinsam haben wir die Geschichte von der Speisung der 5000 gehört und gesehen, wo Jesus das Brot mit den vielen teilt. Was wir hier vor uns haben, ist kein frommes Tischlein-deck-dich-Märchen am See Genezareth. Wir schauen mit dieser Geschichte in Gottes Herz. Wo wir wegschauen, da schaut er hin. Es ist ihm nicht gleichgültig, dass die Aufteilung in arm und reich die Welt in zwei Hälften schneidet.

Schauen wir also auf die Geschichte. Versuchen wir uns das mal vorzustellen. Das erste, was wir sehen: So viele Menschen! Viel mehr als wir hier heute morgen. 5000 - und da sind erst nur die Männer gezählt, dazu kommen die Frauen und die Kinder. Und Jesus freut sich, dass ihm so viele Menschen zuhören. Dass sie gerne die Botschaft von Gottes Reich hören.

Nur seine Jünger, die werden allmählich unruhig: "Jesus, wie sollen die alle satt werden?" So sind wir Menschen. Wir sehen immer gleich ein Problem. Und Probleme sind dazu da, dass man sie löst: "Jesus, schick sie endlich nach Hause!" Aber so einfach ist das nicht. Jedenfalls nicht mit Jesus. Da haben ihn seine Freunde wohl falsch verstanden. Er sagt: "Gebt ihr ihnen zu essen!" - "Aber das geht doch gar nicht! Wie sollen wir das denn machen? So viele Leute. Und überhaupt." Ja, so läuft das bei uns ab. Uns fallen tausend Einwände ein. Da muss einer schon hartnäckig sein, um uns in Gang zu setzen.

Und tatsächlich, auf einmal kommt Bewegung in die Sache, und zwar durch ein Kind. Es hat fünf Brote und zwei Fische dabei. Ich finde es toll, dass ein Kind weiterhilft. Das ist bestimmt kein Zufall. Ihr Kinder seid wichtig in unserer Gemeinde. Gewiss, ihr könnt viel von den Erwachsenen lernen, aber wir Großen lernen auch viel von euch. Zum Beispiel zu vertrauen und nicht immer alles so kompliziert zu sehen. Und dann einfach anfangen und das einbringen, was wir haben. So wie der kleine Junge, der fünf Brote und zwei Fische dabei hatte.

Aber was kann man schon mit fünf Broten und zwei Fischen anfangen? Wenn Jesus dabei ist, eine ganze Menge! Wenn Jesus dabei ist, kann aus dem wenigen, was wir haben, ganz viel werden. Das haben Menschen immer wieder erlebt und erfahren. Andreas und Philippus allerdings vertrauen erstmal lieber ihrem Taschenrechner: 5 plus 2 durch 5000, das macht 0,0014. Damit erreichen wir nie was! Wer nur mit Zahlen rechnet, muss resignieren und wird mutlos. Jesus aber rechnet mit Gottes Möglichkeiten. Jahreslosung: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Für die paar Brote spricht er ein Dankgebet. Mit so gut wie leeren Händen geht er auf die Menschen zu. So etwas kann nur jemand wagen, der fest mit Gott rechnet.

Ich denke an August Hermann Francke, der vor 300 Jahren in Halle an der Saale lebte. Eines Tages bekam er von einem reichen Mann fünf Taler geschenkt. Keine fünf Brote, aber fünf Taler. Mit diesen fünf Talern fing er an, Kindern zu helfen, die keine Eltern mehr hatten. Aus diesen fünf Talern entstand später ein großes Waisenhaus mit vielen hundert Kindern.

Oder die German Church School. Mit ein paar Mädchen fing es an. Frauen aus unserer Gemeinde gaben ihnen Handarbeitsunterricht. Das war vor fast 40 Jahren. Heute ist daraus eine Schule mit mehr als 1200 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen entstanden. Ihr könnt auch in eurer neuen Heimat Botschafter dieser Kinder sein und Freunde für die GCS hinzugewinnen.

Mutter Teresa in Kalkutta, der ärmsten Stadt in Indien, erzählte einmal folgendes:
"In unserer Stadt sorgen wir jeden Tag für 7000 Menschen, und wenn wir nicht kochen, essen sie nicht. Es geschah, dass an einem Freitagmorgen die Schwester kam und mir sagte: "Mutter, Freitag und Samstag gibt es kein Essen, wir müssen den Leuten sagen, das wir heute und morgen nichts zu geben haben." Ich war sprachlos und konnte dazu nichts sagen, doch um neun Uhr schloss die Regierung aus irgendeinem Grund alle Schulen, und alles Brot, das die Schüler hätten bekommen sollen, wurde uns geschickt, und unsere 7000 Menschen aßen Brot, Brot für zwei Tage. Noch nie im Leben hatten sie so viel Brot gegessen. Niemand in der ganzen Stadt wusste, warum die Schulen geschlossen worden waren, aber ich wusste es. Ich wusste, dass Gott mitfühlend und zuvorkommend ist."

So gibt es viele Beispiele, die uns zeigen, dass Gott aus wenigem viel machen kann. Beispielgeschichten, wo Menschen das Brot des Lebens teilen.

Gebt ihr ihnen zu essen, sagt Jesus, und verweist damit auf unsere Verantwortung. Das wird hier so beschrieben, dass Jesus die hungernde Menge wirklich ansieht. Und mit wachem Blick erkennt er: die Menschen brauchen jetzt Brot. Das heißt doch, auch wir dürfen unsere Augen und Ohren vor dem konkreten Hunger in der Welt nicht verschließen. Auch nicht mit frommer Unschuldsmiene daran vorbeisehen, dass wir den Ländern der Zweidrittelwelt gar keine Chance geben, ihre Situation zu verbessern. Sie stehen auf der Verliererseite der Globalisierung. Es muss zusammen gehören, dass wir uns für konkrete Projekte engagieren und zugleich nach den Ursachen der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit fragen.

Und wir selbst? Wie satt sind wir? Wir haben ja doch genug. Keiner muss hungern. Aber auch wir brauchen zum Leben mehr als nur das, was wir essen. Gerade wir, die wir alles haben und keinen Hunger leiden müssen. Geld verdienen und Geld ausgeben gibt unserm Leben noch keinen Sinn. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.", sagt Jesus. Darum ist er das Brot des Lebens. Er bietet uns seine Freundschaft an. Er vergibt uns unsere Schuld. Er heilt uns von unseren Verfehlungen. Er schenkt uns einen tiefen Frieden, mit dem wir den Stürmen unseres Lebens begegnen können. Das Brot des Lebens teilen ist daher noch mehr als Lebensmittel und Geld zu geben. Das Brot des Lebens teilen heißt auch Hoffnung weitergeben.

Im Bibelabend unserer Gemeinde in Deutschland hatten wir eine Reihe junger Leute, die aus der Drogenszene kamen. Einer von ihnen ist später mit Frau und Kind nach Sibirien gegangen. Sie sind in die große Stadt Omsk gezogen, da muss es ziemlich öde und trostlos sein, und viele junge Leute nehmen Drogen. Franz wohnt jetzt seit fünf Jahren mit seiner Familie in einer dieser riesigen tristen Plattenbausiedlungen, ihr Kind hat im Kindergarten schon russisch gelernt. Der Mut dieser jungen Familie ist bewundernswert. Was hat sie zu diesem Schritt bewogen? Sie wollen jungen Menschen aus ihrer Abhängigkeit helfen. Und sie haben gelernt: das kann nur geschehen, wenn wir mit ihnen Jesus teilen, der das Brot des Lebens ist.

Überall warten Menschen darauf, dass wir uns ihnen zuwenden. Dass wir den mit ihnen teilen, der den Hunger nach Sinn stillt. Lasst uns daran arbeiten, dass unsere Gemeinden Herbergen werden, in denen die Menschen aufatmen können. Leute, die satt sind und doch merken, dass da mehr sein muss. Lasst uns alle äußeren Hindernisse beiseite räumen, die andere Menschen davon abhalten, den Schritt hin zu Christus zu wagen.

Manche sagen: Die Gemeinde hier in Addis ist schon was Besonderes. So habe ich Kirche zuhause in Deutschland nicht erlebt. Ich bitte euch Heimkehrende nicht zu warten, bis die Pastorin euch besucht oder bis ihr eine Gemeinde findet, wo hinterher auch alle zum Kaffee bleiben. Jesus sagt: Gebt ihr ihnen zu essen! Werdet selbst aktiv. Lasst euch nicht entmutigen, wenn der Pastor nicht gleich mitzieht. Gestaltet die Gemeinde, in die ihr kommt, mit und bringt das ein, was ihr an guten Erfahrungen gemacht habt.

Jesus, das Brot des Lebens teilen, das findet seinen tiefsten Ausdruck in der gemeinsamen Feier des Mahls. Als Jesus den Menschen das Brot weitergab, da hat er sie nicht nach ihrer Konfession gefragt. Er hat sich gefreut, dass alle miteinander das Brot teilten. Schmerzlich ist uns bewusst, dass wir an diesem Ziel noch nicht angelangt sind. Welch ein Vorrecht, dass wir hier in der Kreuzkirche in Addis als evangelische und katholische Christen Brot und Kelch miteinander teilen.

Die Geschichte endet ja etwas nachdenklich. Die Leute sind so begeistert, dass sie Jesus zum König machen wollen. Aber vereinnahmen lässt er sich nicht. Er zieht sich zurück und betet. Er bereitet sich auf die schwerste Wegstrecke vor, die er noch vor sich hat. Denn sein Weg führt ihn ins Leiden. Am nächsten Tag dann, aus der Stille heraus, erklärt Jesus den Menschen, warum er sich nicht hat feiern lassen. Er sagt: Das Brot, das ich euch für den Magen gegeben habe, ist nicht alles. Was wirklich satt macht, ist etwas anderes: "Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern; und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben."

Das Brot des Lebens teilen, das heißt auch Christus teilen. Lasst uns weiter gemeinsam unterwegs sein und noch viele mit auf diesen Weg nehmen.
Amen.

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