Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über Lk.18,9-14, 23.08.09

Vom Pharisäer und Zöllner

Liebe Gemeinde,

gestern traf der todkranke Lockerbie-Attentäter Al Megrahi, wegen einer Krebserkrankung im Endstadium von der Schottischen Regierung aus der Haft entlassen, in Libyen ein. Dort wurde er mit Jubel begrüßt, die Angehörigen der Opfer hingegen - zumeist waren es Amerikaner, die damals in der PanAm-Maschine saßen - sind entsetzt und die Regierung Obama hat ihr Missfallen massiv zum Ausdruck gebracht. Ein Terrorist, für den Tod von 270 Menschen mitverantwortlich, wird begnadigt - das ist unvorstellbar! Über kurz oder lang muss er sich ohnehin vor einer höheren Macht verantworten, sagt der Justizminister und verteidigt den Schritt, ohne dabei die Tat zu verharmlosen. Die Schuld steht fest, und doch wird ein Mensch nicht mit eiserner Härte und Konsequenz behandelt. Wie er selbst heute zu seiner Tat steht, das weiß ich nicht.

Von einem eindeutig Schuldigen erzählt auch die Beispielgeschichte von Jesus. Zöllner in einer Provinz im Römischen Weltreich zu sein, das bedeutete Kollaboration, Ausbeutung anderer Menschen, Bestechlichkeit und Geldgier. Ein solcher Mann kommt in den Tempel. Das heißt, den eigentlichen Gottesdienstraum darf er gar nicht betreten. Er hat sich durch seinen engen Draht zu den Römern "unrein" gemacht, und so bleibt er von ferne. Aber er ist nicht der einzige Beter an jenem Tag. Vorne, ganz vorn am Altar, steht noch ein anderer. Ein ganz anderer. Ein Mensch, der sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Und der sich auch dessen bewusst ist. Ein Pharisäer. Einer, der Glauben und Gesetz ernst nimmt.

Wir haben uns im Reli-Unterricht vor den Ferien eine Radierung von Thomas Zacharias, dem bekannten katholischen Künstler, angeschaut. Sie können sie sich nachher draußen am Eingang anschauen. Zacharias hat die beiden Personen dargestellt, doch es gibt ein Problem. Wer das Bild betrachtet, hat Schwierigkeiten zu erkennen, wer nun wer ist. Diese Mehrdeutigkeit ist gewollt. Sie regt an zu fragen: Wer bin ich? Wie stehe ich da? Das will die Geschichte ja auch: Dass wir uns fragen, wie wir uns verhalten, wie wir miteinander, mit anderen Menschen und mit Gott umgehen. Friedrich Nietzsche hat sich über die Selbstdemütigung der Christen schrecklich aufgeregt. Er empfand das als Selbst-Entehrung, und im Blick auf so manche christliche Glaubensäußerung kann man ihm ja auch nur Recht geben. Doch es gibt einen Unterschied: solches Sich-selbst-Entehren ist das Eine. Die klare Erkenntnis des eigenen Standortes ist das Andere (Gollwitzer). Der Zöllner macht sich nichts vor. Er weiß, gemessen an der Tora, also am Gesetz Gottes befindet er sich in einer aussichtslosen Lage: Gott, sei mir Sünder gnädig - das sind die einzigen Worte, die er von Ferne, also als "Fernstehender" im wahrsten Sinne des Wortes nur stammeln kann.

Ganz anders der gottgläubige Beter am Altar. Er steht aufrecht, er wird gesehen, er ist sich seiner Anständigkeit bewusst. Auch ihn beschreibt Jesus sehr klar in seiner Haltung: Er stand für sich und betete so: "Ich danke dir dass ich nicht so bin wie dieser…" Dieser Mensch bleibt bei sich. Se heauton steht da im Urtext, das heißt "zu sich hin, auf sich bezogen". Er zählt seine Leistung auf, er hakt einen Katalog von Wohltaten ab, sein Gebet bleibt im Grunde Selbstgespräch. Gewiss, das ist Schwarz-Weiß-Malerei, und ich bin versucht zu sagen: Danke, dass ich nicht so bin wie dieser penetrant selbstgerechte Typ. Wir sind doch keine Pharisäer, vielleicht ja auch nicht einmal glaubende Menschen, und doch tappe ich damit in die gleiche Falle: Danke, dass ich nicht so bin. Das hakt sich schon bei mir fest. Es gibt viele Situationen, Bereiche, wo uns das auf den Lippen liegt, mir jedenfalls:

· Wenn aus unsern Kindern was geworden ist und aus denen der anderen nichts, das muss doch mit denen zusammenhängen.
· Wenn ich eine Arbeitsstelle habe und andere nicht zu Potte kommen, das muss doch an denen liegen.
· Wenn dies Land nicht vorankommt, dann ist doch klar: die wollen das gar nicht. Wenn die sich nur anstrengen würden wie wir.

Es gibt eine ganz natürliche, weltliche, mitunter an gar keinen Glauben gebundene Selbstgerechtigkeit, vor der wir nicht gefeit sind. Jesus hält seinen Jüngern und auch uns einen Spiegel vor. Selbstgerechtigkeit jeder Facon ist verbunden mit der Verachtung anderer. Und schlimmer noch, wenn frommer Dünkel die Schönheit und das Wesen des Glaubens verzerrt.

Als Kontrast verweist Jesus auf den Zöllner, den Antityp damals schlechthin. Mit seiner ehrlichen Bitte um Gottes Vergebung erreicht er Gottes Herz. Jesus nennt ihn "gerechtfertigt". Das heißt: Seine Vergangenheit bindet ihn nicht mehr (Vorländer). Als Martin Luther noch im Kloster war, hat er mal einem Ordensbruder eine Anleitung geschrieben, "in Christi Gerechtigkeit aufzuatmen und getrost zu sein". Das ist eine wie ich finde wunderschöne Formulierung. Aufatmen und getrost sein, weil Gott mich nicht auf meine Taten und Untaten festlegt. Die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner handelt vom Kern des Evangeliums. Davon, wie einer dem Gott, der nicht nachträgt, begegnet und so ein freier Mensch wird.

Das soll auch Gemeinde widerspiegeln: ein Ort sein, an dem Menschen aufatmen können, egal wo sie herkommen, was sie glauben oder nicht glauben oder noch nicht glauben können. Wo ich nur kritisch musternden Blicken begegne, da mache ich mich ganz schnell wieder vom Acker. Wo ich aber merke, ich bin akzeptiert, so wie ich bin, da halte ich es gerne aus. Und komme schon irgendwann an den Punkt, wo ich merke, dass ich Ihn brauche, seiner Freundlichkeit begegne, vor ihm auf die Knie gehe. So mancher braucht es auch in der Kirche, auch im Gottesdienst, dass er oder sie erst mal "von ferne stehen" kann. Vielleicht ein Gebet stammeln, nicht schön formuliert, dafür aber ehrlich. Wie gut tun die Säulen in den alten Kirchen, hinter die man sich auch mal verkriechen kann.

Diese Geschichte war schon immer und ist bis heute ein Spiegel für die Christenmenschen. Es ist gut, dass uns dies Wort heute vorgesetzt wird, denn es ist eine gute Grundlage für unser Miteinander hier und da, wo wir leben, wo wir arbeiten, wo wir mit anderen Menschen und einer anderen Kultur zu tun haben. Dass wir zwischendurch innehalten und fragen, wie wir zu anderen stehen. Überlegenheitsgefühle wahrnehmen und kritisch mit ihnen umgehen.

"Gott sei mir Sünder gnädig" - diese Bitte des Zöllners zeigt, dass er um Gottes Gottheit weiß. Er nimmt Gott ernst, und zugleich weiß er, dass der "reich ist an Barmherzigkeit" (Eph.2,4, Schriftlesung). Ich wünsche, dass Al Megrahi, der Mann, der so viel Schuld auf sich geladen hat, auch so bitten kann. Zugleich weiß ich, dass diese Bitte nicht nur auf Zöllner und Attentäter zugeschnitten ist, sondern auch auf mich. Sie muss meine Bitte sein. Nicht in frömmelnder Selbstzerknirschung, wohl aber in ehrlicher Selbsterkenntnis. In Jesus hat Gott auf diese Bitte geantwortet. Wenn wir miteinander das Abendmahl feiern, bekennen wir uns zu dem, der für uns alles gegeben hat. Wie hat Luther seinem Freund geraten? Damit wir aufatmen und getrost sein können. Amen.

Und der Friede Gottes…

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