"Die Heilung des Taubstummen" - Begrüßungsgottesdienst
Manchmal überlege ich, wenn ich zwischen blind und taub sein wählen müsste, wofür ich mich entscheiden würde. Nicht mehr sehen zu können, das stelle ich mir total hart vor. In Addis begegnen wir täglich blinden Menschen auf der Straße. Unsere Kirchenschule, die German Church School, nimmt in jeder Klasse zwei blinde Kinder auf. Blind sein ist hart. Aber was wäre, wenn ich gar nichts mehr hören würde? Ich glaube, am Ende wäre das noch schlimmer. Dann wäre die Verbindung zur Außenwelt noch viel stärker gekappt. Nicht verstehen, was die anderen sagen, kein Gespräch führen können, keine schöne Musik mehr hören. Um mich herum nur eine Welt des Schweigens. Absolute Stille. Auch mich selbst würde ich nicht hören, ich wäre unsicher, wie ich mich anhöre, wenn ich spreche. Und wenn ich gar taub geboren wäre, hätte ich gar nicht erst sprechen gelernt.
"Hast du schon gehört? Jesus ist hier!" Natürlich hat der Taubstumme in unserer Geschichte das nicht gehört. Wie auch? Doch die Leute tun was ganz Tolles: sie bringen den taubstummen Mann zu Jesus. Sie glauben, dass der ihm helfen kann. Sie könnten den Mann links liegen lassen, aber das tun sie nicht. Jesus ist ziemlich bewegt. auch weil er spürt, wie es dem Taubstummen gehen muss. Es heißt hier, dass er seufzt. Das ist Gottes Seufzen über dem Leiden seiner Kreatur. Dann nimmt er ihn an der Hand und macht ihn schließlich gesund. Das ist ein Wunder. Die Leute hatten recht, als sie sagten: "Jesus, du kannst ihm helfen!" Wunder kann man nicht erklären, aber das muss man ja auch nicht. Wichtig ist, dass der Mann auf einmal reden und hören kann.
Was will die Geschichte uns sagen? Was mich anspricht, ist die Hilfsbereitschaft der Leute. Der Taubstumme in ihrer Mitte ist ihnen nicht egal. Sie haben Hoffnung für ihn und suchen nach einer Lösung. Ich habe einige bewegende Beispiele hier aus Äthiopien vor Augen, wo Menschen, die selbst nichts haben, anderen helfen und ihnen beistehen.
So war es auch hier in unserer Gemeinde. Vor gut 40 Jahren suchten unsere Vorfahren nach einer Lösung für die Kinder aus den ganz armen Familien. So entstand unsere Kirchenschule. Sich wuchs und wurde schließlich immer größer. Heute werden über 1200 Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterstützt. Das alles aus der Einsicht heraus: Man kann nicht einfach Gottesdienst feiern und hier leben und an den Menschen vorbeisehen. Bis heute stellt unsere Gemeinde sich dieser Aufgabe.
Aber da ist noch etwas. Ich rede jetzt mal nicht von den Dingern, die neuerdings viele Ohren relativ dicht machen. Du redest mit jemandem, und der muss erst halb erschrocken, halb genervt seine MP3-Stöpsel aus dem Ohr pulen. Ich rede mal lieber von mir. Ich bin zwar nicht taub, aber es kommt vor, dass ich abschalte. Das ist sicher hier und da nötig. Aber manchmal mache ich richtig dicht. Dann ist es schwer, an mich ranzukommen. Auch für meine Frau. Ich blocke ab und möchte meine Ruhe haben. Das Schweigen der Männer. Taubstummheit ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern vor allem eine Beziehungsstörung. In vielen Familien wird nicht wirklich miteinander geredet.
Doch ich gehe noch einen Schritt weiter. Es gibt Zeiten, da hat auch Gott kaum eine Chance, an mich ranzukommen. Seine Stimme ist nicht aufdringlich, ich kann sie überhören. Aber sie ist eindringlich. Gott möchte mit mir reden. Er lockt mich aus meinem Schneckenhaus. Manchmal, ich würde fast sagen, von Natur aus sind wir taub für seine Stimme. So vieles andere scheint immer viel wichtiger zu sein. Jesus ruft dem Mann ein seltsames Wort zu: "Hephata!" Das heißt: "Öffne dich!" Und auf einmal gehen die tauben Ohren auf und die Zunge löst sich. Das ist ein einzigartiger Moment.
Ich glaube, jeder Gottesdienst, den wir feiern ist so ein Ruf: "Öffne dich!" Und ich möchte das jedes Mal erwarten, dass innere Schranken hochgehen. Dass Menschen sich für eine neue Wirklichkeit öffnen. Dass ich selbst neu mit den Möglichkeiten Gottes rechne. Das ist befreiend und bewirkt Veränderung.
Dass wir hier zusammenkommen, ist ja an sich schon eine tolle Sache. So viele so verschiedene Menschen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. Und doch ist da noch mehr. Gottesdienst heißt ja nicht nur, dass wir gemeinsam singen, beten und Gott dienen. Ich glaube, es bedeutet vor allem, dass er uns dient:
- unsere Zunge löst, dass wir aufeinander zugehen
- unsere Ohren öffnet, dass wir einander zuhören
- unser Herz öffnet, sodass wir mit Gottes Möglichkeiten rechnen in den vielen kleinen und großen Entscheidungen, die wir zu treffen haben. Dass wir auch dies Land und seine Menschen mit anderen Augen sehen. Dass wir hinhören, auch wenn das Englisch, das uns begegnet, zu wünschen übrig lässt. Mitunter fast so viel wie unser Amharisch.
Am Ende der Geschichte heißt es: Und sie riefen voll Freude: "Das hat Jesus getan! Er ist der Retter." In der Lutherbibel heißt es: "Er hat alles wohl gemacht." Ich finde, das ist ein toller Schluss. Wenn Leute das so sagen können: Er hat alles wohl gemacht. Das erinnert an die Schöpfungsgeschichte: Und siehe, es war sehr gut! Ich habe das manches Mal von alten Menschen gehört, die wahrlich kein leichtes Leben gelebt hatten, dass sie dennoch sagten: Er hat alles wohl gemacht.
Das möge auch für die Zeit hier gelten. Lasst uns Ihn mit hinein nehmen in die Zeit hier. Dass wir uns nicht abschotten, sondern uns für Gott und die Menschen öffnen. Amen.