Kreuzkirche Addis Abeba
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien

Predigt über 1. Kor. 13,1-13, 11.10.09

Das Hohelied der Liebe

Liebe Gemeinde,
heute am 11. Oktober feiert die jüdische Gemeinde das Fest der Freude an der Tora, das Simchat Tora, und damit die Freude an Gottes Geboten. Der Schriftgelehrte stellt Jesus die Frage nach dem höchsten Gebot. Der Apostel Paulus stimmt im 1.Brief an die Gemeinde in Korinth das berühmte Hohelied der Liebe an:

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
9 Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als der Pfarrer noch als "Pfarrherr" durch die Straßen stolzierte, ereignete sich irgendwo in einem Dorf das folgende: Eines Tages begegnete der Müller, der zugleich ein bekannter Säufer war, dem Pastor auf der Straße und sprach ihn an: "Herr Pastor, ich habe von Ihnen und mir geträumt." Der Pastor antwortete etwas distanziert: "So, und was hast du geträumt?" Der bereits angeheiterte Müller antwortete, während der Pastor wegen seiner Alkoholfahne die Nase rümpfte: "Ich habe geträumt, wir wären beide zusammen gestorben und auf dem Weg in den Himmel." "Was?", fragte der Pastor ironisch: "Du auch?" "Ja, wir beide waren zusammen auf dem Weg in den Himmel. Rechts war ein Graben mit Honig und links war ein Graben mit Jauche. Wie wir beide weitergingen, wurde der Weg immer steiler und immer enger." "Ja, und was war dann?", fragte der Pastor weiter, der inzwischen neugierig geworden war. "Tja", antwortete der Müller, "und dann wurde der Weg so eng, dass wir beide in den Graben fielen. Sie, Herr Pastor, in den Graben mit Honig, und ich in den Graben mit Jauche." "Na", meinte der Pastor froh, "Dann hat es wohl den Richtigen getroffen." "Mag sein", antwortete ihm der trinkfeste Müller, "aber der Traum ging weiter. Als wir nämlich an der Himmelstür angekommen waren, stand da der alte Petrus und sagte: So kann ich euch beide nicht herein lassen. Erst einmal müsst ihr euch gegenseitig ablecken!" -

Das 13. Kapitel des 1.Korintherbriefes ist das Hohelied der Liebe. Und unser Zusammenleben in der Gemeinde bietet so manche Gelegenheit, uns gegenseitig "abzulecken". Vor allem jedoch ist die kleine Geschichte ein humorvoller Spiegel, wie es weithin um unsere Liebe als Christenmenschen untereinander bestellt.

Liebe - Markenzeichen der ersten Christen

Im Jahre 170 nach Christus schrieb der Spötter Lucian von Samosata eine beißende Satire, in der er sich über die Christen lustig machte. Sie gipfelt in dem folgenden Satz: "Ihr Meister hat ihnen befohlen sich zu lieben - und sie tun es auch!" Daran also hat man sie erkannt, die ersten Christen, das war ihr auffälligstes Merkmal: ihre Liebe zueinander und - wie Lucian unparteiisch feststellt - ihre Liebe zu den armen und Not leidenden Menschen um sie herum.

Ist Liebe, wie Paulus sie in seinem Hohelied besingt, denn überhaupt möglich? Sagen wir nicht im Stillen: "Unmöglich!", wenn wir uns selbst vor Augen haben in unserer ganzen Unzulänglichkeit, aber auch unsere Gemeinden, in denen so oft Streit und Neid an der Tagesordnung sind? Zumindest sind wir vorsichtig geworden gegenüber allzu steilen Bekenntnissen; lieber nehmen wir den Mund nicht zu voll.

Konflikt in Korinth

Nun habe ich einen großen Vorteil mit diesem Kapitel aus dem 1.Korintherbrief heute Morgen. Einen, den ich bei der Auslegung dieses Textes sonst nie habe. Keiner erwartet jetzt eine Traupredigt. Da hat dieser Abschnitt ja seinen Stammplatz. Manche von uns haben den Vers 13 mit Glaube, Hoffnung, Liebe als Spruch zur Trauung bekommen oder auch selbst ausgewählt, und es ist ein sehr schönes Wort zur Trauung. Aber oft kommt dabei der Zusammenhang zu kurz. Paulus hält keine Traupredigt. Er befasst sich in diesem Kapiteln mit einem schwelenden Konflikt in der Gemeinde. Und da sind wir auf einmal mitten drin, denn so was kennen wir auch. Konflikt in Korinth. Ein Konflikt mitten in der Gemeinde der Christen.

Alles von Sokrates bis Reeperbahn

In Korinth war es so: Die einen setzten auf besondere geistliche Erfahrungen wie das Sprachengebet oder prophetische Weissagung und überrollten damit die anderen. Paulus bestreitet nicht den Wert dieser Gaben, aber er wehrt sich dagegen, dass daran der Wert des Glaubens gemessen wird. Jede Seite sah sich im Recht, und die Kluft zwischen arm und reich tat noch ein Übriges: es kam zum Streit beim Abendmahl. Wir müssen uns einmal vorstellen, welch enormes Konfliktpotential diese junge Gemeinde im Hafenmilieu von Korinth mit sich brachte. Da ist schon allein die Herkunft der Leute: ehemalige Zuhälter und Schmuggler neben Gutbürgerlichen und Gebildeten - die ganze Spannbreite von Sokrates bis Reeperbahn! Ich wette, dagegen sind wir heute Morgen, so verschieden wir auch sind, noch relativ schlecht gemischt. Und während Paulus nun mutig und entschlossen um Einheit ringt und das wunderbare Bild vom Leib Christi entwirft, dabei auch theologisch exzellent argumentiert, da kommt ihm auf einmal ein genialer Gedanke.

Mitten im Streit - ein Loblied!

Er legt eine kurze Denkpause ein und stimmt - mitten im Streit - ein Loblied an! Paulus unterbricht den ganzen Streit mit einem Loblied auf die Liebe Gottes! So als könne jetzt nur die ganz andere Sprache, die Sprache der Anbetung, des Lobes, ja die Sprache der Liebe weiterhelfen. Der Denker Paulus wird zum Dichter und schreibt sein wunderbarstes Lied. Wie wäre es, eine Teamsitzung oder eine Diskussion im Kirchenvorstand genau dann zu unterbrechen, wenn wir uns die Köpfe am heißesten geredet haben - und ein Loblied anzustimmen! Vielleicht finden wir dann schneller wieder zueinander.

Loben führt zu Lieben

Ich muss an unsern Ältesten denken, als er klein war. Er hatte sich ziemlich daneben benommen und lag im Clinch mit seiner Mama. Er zog sich zurück, schnappte dann irgendwann wutschnaubend seinen Turnbeutel und zog ab zum Sport. Im Umkleideraum entdeckte es zwischen seinen Klamotten einen Schokoriegel mit einem kleinen Zettel dran: "Hab dich lieb. Mama." Irgendwie war es so gerührt, dass es sofort nach Hause rannte, hin zu Mama, um sich zu vertragen. Keine Moralpredigt hätte das bewirken können! Ob Paulus spürt, dass jetzt das Lob angesagt ist? Er könnte seine Gemeinde zusammenstauchen, aber er tut es nicht. Er fordert sie heraus zum Lob. Zum Lob der Liebe Gottes. Das ist das erste: Liebe wächst im Loben. Das ihr bester Nährboden: das Lob Gottes. Wer ihn lobt, wird frei zu lieben. Denn er wird frei von sich selbst.

Liebe - eine unmögliche Möglichkeit?

Noch einmal zur Trauung. Jedes Mal, wenn 1.Korinther 13 vorgelesen wird, spüre ich den Vorbehalt: ja, wenn es doch so wäre! Schöne Worte von der Liebe, doch das Leben spielt anders mit. Wer kann schon so leben, wie Paulus hier die Liebe beschreibt? Langmütig, freundlich usw. Die Antwort lautet: keiner kann es. Also doch ein Ideal, das zu schön ist, um wahr zu sein? Und damit doch eine Überforderung? Liebe - eine unmögliche Möglichkeit?

Der Schlüssel zur Liebe: Christus!

Liebe Gemeinde, es gibt nur einen Schlüssel, um dieses Lied der Liebe recht aufzuschließen, um es für uns zu erschließen. Dieser Schlüssel ist Jesus. Ich weiß noch, ich war 17 und musste die erste Andacht meines Lebens halten. Im Jugendkreis. Über 1.Kor.13. Wir haben das damals selbst gemacht und nicht den erwachsenen Mitarbeitern überlassen, schon gar nicht dem Pfarrer. Theologisch war das ganze vermutlich äußerst abenteuerlich, und das Wort Zungenrede verstand ich überhaupt nicht. Der Vater meines Freundes, der Pastor in einer anderen Gemeinde war, drückte mir ein paar Kommentare in die Hand. Zum ersten Mal hielt ich theologische Literatur in der Hand, die so richtig schön nach Zigarre roch. Ich glaube es war eine Auslegung von Karl Barth. Von dem, was ich gelesen habe, ist nur eins hängen geblieben:
Setze für das Wort Liebe jedes Mal Christus ein, und du wirst einen Zugang haben!
Das habe ich getan, und auf einmal kamen mir Geschichten in den Sinn, die ich von Jesus kannte. Obwohl ich selbst nie im Kindergottesdienst gewesen war, auch in keiner Jungschar. Da war doch dieser Freund von Jesus, Lazarus. Wir haben vor 14 Tagen von ihm gehört. Wie groß muss Jesu Liebe gewesen sein, dass sie den Stein vom Grab wegstemmen und den Freund wieder zurück ins Leben rufen konnte. Oder die zwielichtige Frau am Jakobsbrunnen mit ihrer pikanten Vorgeschichte. Wie Jesus sie zurecht gebracht hat, ohne sie zu verachten oder zu verdammen. Und immer wieder diese nullmerkigen Jünger, die mitten im Intensiv-Glaubenskurs mit Jesus noch um Rang eins im Himmel streiten. Da hätte ihm der Kragen platzen können. Wenn einer langmütig und freundlich war, dann doch er. Wenn einer alles, sogar den Tod erduldet hat, dann Jesus. Mit einem Mal ging mir auf:

1.Korinther 13, das Hohelied der Liebe, ist keine Vorlesung über Moral und Tugend, sondern Christuspredigt!

Jesus ist der Schlüssel. Ohne ihn wird alles zum Krampf. Ohne ihn ist alles Gesetz. Aber mit ihm und in ihm ist es Evangelium, freudige Nachricht, frohe Botschaft. Er ist der Schlüssel, der erst den Raum der Liebe aufschließt.

Das Ziel: Ihm ähnlicher werden. Wachsen, nicht stecken bleiben.

Dann allerdings wird das Hohelied der Liebe zu einer großen Herausforderung an uns. Der angesehene englische Theologe John Stott sagte mal:
Manchmal werde ich in einem Interview gefragt, ob ich in meinem Alter noch irgendwelche Ziele habe, die ich erreichen möchte. Ich antworte dann stets: "Ja, mein Ziel ist (und wird es sein, bis ich einmal sterbe), Christus ein wenig ähnlicher zu werden."
So meint es Paulus. Er erinnert an den Reifungsprozess, der das Kind erwachsen werden lässt. Das Erschreckende bei den Korinthern war, dass sie stecken geblieben waren in ihrem Wachstum. Da war Stillstand, da gab es keine Entwicklung mehr. Ob sie sich herausfordern ließen durch das, was Paulus ihnen über die Liebe schrieb? Hören wir noch mal auf einige seiner Sätze.

Die Liebe ist langmütig, sie hat Geduld, sie hat ein großes und weites Herz. Sie kann warten. Sie ist nicht kleinlich. Sie steht offen für den anderen. Das weite Herz ist das Gegenteil von kleinkariert, von engstirnig, verbohrt.

Die Liebe ist gütig. Das griechische Wort meint, dass sich die Liebe gut, aufrichtig, rechtschaffen verhält und dass sie heilsam ist, dass sie anderen gut tut. Ein Mensch, der voller Liebe ist, tut dem andern gut. Er hat eine heilsame Ausstrahlung. In seiner Nähe ist man gerne. Er sieht das Gute im andern und lockt es heraus. (Evtl. Beispiel der Teelichter am Abschlussabend unserer Jugendfreizeit)

Die Liebe eifert nicht. Sie steigert sich nicht in Eifersucht hinein, um den andern an sich zu fesseln, sondern sie lässt ihn frei. Die Freiheit ist das wichtigste Kennzeichen der Liebe. Gleichnis vom verlorenen Sohn vorgestern im Jugendgottesdienst - Angebot zur Segnung, von einigen angenommen.

Die Liebe prahlt nicht. Sie hat es nicht nötig, sich aufzublähen, sich aufzublasen. Ich muss nicht mit irgendwelchen Leistungen prahlen, ich brauche nicht ständig Anerkennung. Die Liebe ist frei von dem ständigen Kreisen um sich selbst, das der Angst entspringt, zu kurz zu kommen.

Die Liebe lässt sich nicht erbittern. Sie frisst sich nicht fest im Groll. Sie hat aber den Mut, dem andern zu sagen, wenn er einen verletzt hat, wenn man sich über ihn geärgert hat. Sie bewahrt uns davor, in falsche Harmonie zu versinken.

Ich kann mich gut erinnern: einmal lud mich ein Kollege ein. Bei einer Tasse Tee brachte er den Mut auf und erinnerte mich daran, wo ich ihn mit einer Bemerkung verletzt hatte. Das war erst hart anzuhören, aber dann war es sehr befreiend. Unser Verhältnis bekam ein neues Fundament - dank einer ehrlichen Bemerkung, auf die eine klare Aussprache folgte.

Die Liebe trägt das Böse nicht nach. Sie stellt es nicht in Rechnung. Sie rechnet es nicht auf. In der Beziehung untereinander rechnen wir häufig auf, was der andere uns angetan hat. Und denken dann im Stillen: Das zahle ich ihm heim! Paulus will sagen: wer durch die Liebe weit geworden ist, hat es nicht mehr nötig, das Böse aufzurechnen. Die Liebe besiegt das Böse, anstatt es aufrechnend zu vermehren. Politik hat nicht viel mit Liebe und schon gar nicht mit Romantik zu tun. Aber es tut gut, wenn eine Großmacht ihren Führungsanspruch selbst in Frage stellt. In der Begründung für den Friedensnobelpreis für Barack Obama wurde seine Vision einer atemwaffenfreien Welt hervorgehoben, auch sein Zugehen auf die muslimische Welt ohne den Anspruch, die beste und unfehlbarste Nation zu sein.

Und ob Liebe unter uns ist, das wird uns jeder noch so skeptische Zeitgenosse abspüren. So wie der alte Lucian mit seinem spöttelnden, aber vielleicht auch nachdenklichen Ausruf: "Ihr Meister hat ihnen befohlen zu lieben - und sie tun es auch!"
Amen.

Literaturtipp: Anselm Grün, Im Haus der Liebe wohnen, Stuttgart: Kreuz 1999

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